748) Ich krieg‘ zu viel

Neulich ging es in einem Podcast um den zunehmenden Cyberwar. Aber auch um die Vorbereitung konventioneller Kriegshandlungen mit digitalen Maßnahmen, etwa Hacking, Spionagekameras oder manipulierte Apps.

Im Gespräch fiel mehrmals der Begriff „kinetischer Krieg“. Damit waren die klassischen, also physisch geführten Kriege gemeint, als Abgrenzung zu den digitalen. Mir war der Begriff neu.

Damit war das Thema Krieg für meine Joggingrunde gesetzt. Und da fielen immer mehr die Kriege ein, über die ständig berichtet wird.

Ehekrieg. Nachbarschaftskrieg. Drogenkrieg. Bandenkrieg. Preiskrieg. Kulturkrieg. Papierkrieg. Cyberkrieg. Informationskrieg. Handelskrieg. Guerillakrieg. Hybrider Krieg. Kalter Krieg. Bürgerkrieg. Krieg, Krieg, Krieg. Da kriegt man irgendwann zu viel.

Ganz schön viel Krieg für eine Welt, in der doch jeder einzelne, vermutlich eher seine Ruhe haben will. Also Frieden.

Wie wäre es eigentlich mal mit Ehefrieden, Nachbarschaftsfrieden, Drogenfrieden, Bandenfrieden, Preisfrieden, Kulturfrieden, Papierfrieden, Cyberfrieden, Informationsfrieden, Handelsfrieden, Guerillafrieden, hybrider Frieden, Kalter Frieden, Bürgerfrieden.

Die Nachrichten kämen ganz anders daher und es gäbe sogar Friedensberichterstatter 😉

 

PS: Titelbild via ChatGPT, warum der Typ nun drei Hände hat … keine Ahnung … aber vielleicht braucht das einfach mehr Hände?

 

747) Reförmchen

Als das Wort „Reform“ zum ersten Mal den Weg in meine Ohren fand, war ich noch grün hinter den Ohren, etwa zwölf oder dreizehn Jahre alt. Die Welt war geteilt in Ost und West. Fotos waren schwarz-weiß oder lila-rot, je nachdem, zu welchen Filmrollen man Zugang hatte. Und Glasnost und Perestroika, das waren zwei richtig dicke Bretter von Reformen.

Danach wurde der geografische Osten einmal komplett auf links gedreht. Oder auf rechts. Egal.

Jedenfalls gründlich umgekrempelt. „Reform“ würde ich das rückblickend nicht mehr nennen. Eher „Destruction“ und danach „Construction“. Das hat viel Geld gekostet und der ein oder andere hat ordentlich daran verdient.

Dann verschwand das Wort für lange Zeit. Zumindest empfinde ich das so.

Seit ein paar Jahren ist sie wieder da, die Reform. Sie klingt heute allerdings weniger nach Fortschritt, Hoffnung und Neugestaltung, sondern eher nach verwaltungstechnischer Überarbeitung.

  • „Rentenreform“
  • „Bildungsreform“
  • „Asylreform“
  • „Verwaltungsreform“
  • „Bundeswehrreform“
  • „Steuerreform“

Das Präfix „re“ lässt sich für „erneuern“ verwenden. Zum Beispiel in „renovieren“, „restrukturieren“, „restructure“ oder „reorganize“.

Es funktioniert aber auch für „wiederholen“. So wie in „rekapitulieren“, „repeat“, „redo“ oder „replay“. Bei manchen Reformen glaubt man tatsächlich, das alles schon einmal gehört zu haben.

„Re“ steht aber manchmal auch für „zurück“. Zum Beispiel in „retour“, „return“, „revert“ oder „restore“. Gerade im Umwelt -und Energie-Sektor habe ich diesen Eindruck bei den aktuell diskutierten Reformen. Reförmchen.

Hauptsache zurück in alte Zeiten.

 

PS: Titelbild via ChatGPT

746) Türsteher gesucht

Soll man Kindern und Teenagern den Zugang zu Social Media einschränken?

Spätestens nach diesen zwölf Worten stehe ich vor einer gespaltenen Leserschaft, wie der Moses vor diesem Meer dort, oder?

Und ich sag mal: Ja. In irgendeiner Weise schon.

Zumindest sollten wir ernsthaft darüber sprechen. Dass das Thema überhaupt endlich auf dem Tisch liegt, finde ich gut.

Es gibt aus guten Gründen Altersbeschränkungen für alles Mögliche: Alkohol, Zigaretten, Filme, Führerschein, Kaufverträge, Zutritt zu Veranstaltungen.

Und ausgerechnet beim Teufelszeug Social Media, und ich würde ja fast schon den ganz normalen Internet- bzw. Google-Zugang dazuzählen, lassen wir die Scheunentore sperrangelweit offen?

Und laden wir die gesamte Verantwortung bei Eltern und Lehrkräften ab? Find ich nicht richtig.

Natürlich muss man über Details sprechen: Welche Inhalte genau? Für welche Altersstufen? Wie differenziert muss das sein?

Aber dass wir uns nach 30 Jahren „Internet-Neuland“ überhaupt mal ernsthaft mit Regeln beschäftigen müssen, steht für mich außer Frage.

Was mich an der aktuellen Debatte am meisten stört: Der Vorschlag wird oft reflexartig mit dem Argument zerrissen, dass Kontrolle schwierig sei und sich alles sowieso umgehen lasse.

Ja, natürlich ist das nicht einfach.

Aber seit wann ist „nicht perfekt kontrollierbar“ ein Argument dafür, es gar nicht erst zu versuchen?

Wir haben früher auch heimlich geraucht. Hatten auf der Klassenfahrt irgendwo eine Flasche Cola-Schnaps-Mix versteckt.

Und?

Hat deshalb jemand den Jugendschutz abgeschafft?

Wohl kaum.

Also: Macht mal.

Diskutiert, streitet, verbessert, aber hört auf, so zu tun, als wäre Nichtstun die vernünftigere Option. Ich glaube es wäre besser für unsere Gesellschaft, denn was da so jeden Tag auf die Kids eintrommelt … das macht mir echt Sorgen. Und das meiste kennen ich ja noch nicht einmal …

 

PS: Titelbild via ChatGPT

 

745) Auszeit – 1

In der IT-Welt gibt es sogenannte Denial of Service-Attacken, auch DoS-Attacken. Die IT-Systeme einer Firma, Behörde oder öffentlichen Infrastruktur werden solange mit Last und Aufgaben zugeschüttet, bis die Server ächzend aufgeben und den Dienst verweigern (Denial of Service). Nicht, dass ich das gut finde, ist aber so und wird noch häufiger passieren.

Aber nicht nur IT Systeme können in die Knie gehen, sondern auch Menschen,  ach nee. Das wird gern vergessen. Und bevor mir das wieder passiert, hatte ich mir kurz vor Silvester eine Liste von Maßnahmen diktiert, wie ich das in 2026 verhindern will. Weniger arbeiten, mehr abgeben … bla bla … das übliche und schon oft aufgeschrieben.

Diesmal kommt aber noch eine Maßnahme hinzu, die mir >schon lange im Kopf herumfliegt. 

Aber es gab immer Gründe, das aufzuschieben. Familie in erster Linie, all die Pflichten drumherum, aber ehrlicherweise auch eine gewisse Sorge, wie das denn so in der Firma ankäme, wenn ich als „Endvierziger mit gutem Job und Einfluss“ folgendes bei meinem Brötchengeber anspreche.

„Ich möchte eine off-time. Acht Wochen mindestens.“

So war es gesagt und wir haben einen Weg gefunden. Allein „das“ ausgesprochen und erreicht zu haben, macht mich irgendwie stolz. Gleichzeitig ist eigentlichen total bekloppt, denn es gibt entsprechende Flexi-Zeit-Modelle, die allen Mitarbeitern zustehen, egal ob Männlein oder Weiblein, egal ob in der Sachbearbeitung oder im Management. Dazu kam noch diese völlig >bescheuerte „Lifestyle-Teilzeit-Debatte“, angeschoben durch das  konservative Lager der deutschen Politik.

Aber nee Leute, nicht mit mir. Ich arbeite seit über 32 Jahren durchgängig, ich hatte eine kurze Wickelpause für den Stammhalter, da wars aber. Grob überschlagen sind das ca. 7.000 Arbeitstage, plus Überstunden. Ich würde sagen … es wird mal Zeit.

Also um’s kurz zu machen. Im Juni starte ich einen fünfwöchigen Roadtrip durch Nord-Polen, Baltikum bis nach Helsinki. Die „Ministerin für Familie, Kultur und Außenbeziehungen“ übernimmt zeitweise die Ressorts „Finanzen, Infrastruktur, Sicherheit und Mobilität“. Großen Dank an dieser Stelle.

Abgerundet wird das Ganze mit drei Wochen Irland, mit Kind, Kegel und Rechtslenker-Auto.

So, nun ist es gesagt.

Also plane ich die Reise, mache Besorgungen etc … dazu später mal mehr.

—> 749) Auszeit – 2

 

PS: Titelbild via ChatGPT

744) Wenn Menschen Menschen prompten

Mittlerweile beschäftige ich mich zu einem nennenswertem Teil des Tages damit, einer sturen KI beizubringen, was sie tun soll und was nicht. Erst dann kann ich sie in die weite Welt entlassen. Tschüssikowski. Benimm dich, mach keinen Blödsinn und bitte keine Beschwerden!

Das Prompting ist sicher etwas zäh, das Testing erst recht, aber wenn es nicht klappt, dann liegt es ehrlicherweise meistens am Prompt … also an den Instruktionen des Menschen an die KI … nicht an der KI selbst.

Menschen tun sich einfach schwer, klipp und klar zu sagen was sie wollen. Sie haben den Context im Kopf, aber eben auch nur sie.

Bittet man z.B. die KI nur „um Tipps für eine Reise nach Italien“, kann man sich diesen Strom eigentlich sparen, denn das Ergebnis wird dürftig ausfallen. Nur der Mensch weiß eigentlich „wo“ genau er in Italien sein wird, „wann“ und „warum“, mit „wem“ er da hin fährt, „welche“ Vorlieben er bei solchen Reisen hat. Und wenn man der KI dann noch verklickert, was sie auf keinen Fall tun soll, werden sie Ergebnisse besser und man kann sich gegen die eingebaute Bequemlichkeit und Sturheit durchsetzen.

Was wäre die Welt doch einfach, wenn man Menschen auch einfach „prompten“ könnte, oder?

Ein paar Vorschläge

„Du bist ein Teenager.
Du lässt deine Socken nicht überall liegen.
Wenn du dir etwas zu essen machst, räumst du die Küche danach auf.
Wenn deine Eltern dich etwas fragen, antwortest du mit mehr als drei Worten.“

„Du bist der Bürgermeister einer Großstadt.
Du bringst Verwaltung, Bürger und Politik zusammen, ohne dass alles im Prozess stecken bleibt.
Du reduzierst Komplexität, statt sie zu verwalten.
Du entscheidest – auch wenn nicht alle zufrieden sind.
Und du nutzt das Wort ‚zeitnah‘ nur, wenn du wirklich bald meinst.“

„Du bist der Präsident einer Supermacht.
Du liest Briefings vollständig, bevor du Entscheidungen triffst.
Du unterscheidest zwischen Fakten, Meinungen und Schlagzeilen.
Du erklärst komplexe Sachverhalte so, dass sie verstanden werden – ohne sie unnötig zu vereinfachen.
Du reagierst nicht impulsiv, sondern überlegt.
Und du nutzt Social Media nicht als Ventil für spontane Emotionen.“

„Du bist ein Ehepartner …

Oh … jetzt höre ich mal besser auf.

Mit prompten Grüßen

PS1: Kursive Teile von ChatGPT
PS2: Titelbild via ChatGPT 

Andere prompte Beiträge:

743) Back to Reality

„Herzlich Willkommen in Berlin, wir sind soeben mit einer Verspätung von einer Stunde und 50 Minuten gelandet. Wir bedauern die Verspätung … zunächst Engpässe beim Enteisen in Berlin … dann Slot zugewiesen … Personalmangel bei der Flugsicherung in Frankreich … Sturm über Spanien und Portugal … nun ja … aber nun stellen Sie sich mal vor, sie wären mit der Deutschen Bahn gereist. Kommen Sie gut heim und viel Spaß beim Wäschewaschen“. So ungefähr verabschiedete sich der Chef der Kabinen-Crew gestern Abend um 23:08 Uhr. Zeit für eine erste Vitamin-D Pille.

Bis der Bus dann zum Flieger kam, die Koffer aus dem Keller auf‘s Band gespuckt  wurden, war es 23:46 Uhr, nun wenigstens noch die Bummel-S-Bahn kriegen mit 22 Minuten bis nach Schöneweide … „the place where you want to change trains in the middle of the night“ und dann noch mal 25 Minuten bis zum S-Bahnhof in der Hood.

Vom Eise befreit sind Spree und Fläche … na immerhin … auf die Schnauze sollten wir vergangene Nacht wohl nicht mehr fliegen, dafür sorgten viele Tonnen von Streusplit, der sich in den Schuh-Sohlen und Koffer-Rollen verfing. Gegen 01:00 waren wir im Headquarter. Nun bloß nicht mit den Schuhen übers Parket aus Tropenholz … 😉

Der Sonntagmorgen zeigt sich freundlich, die Sonne scheint sogar. Und was gibt‘s sonst so? Die Storkower Straße ist seit 6 oder 7 Wochen immer noch gesperrt. Wasserrohrbruch … oder so. Das Dachgeschoss gegenüber wird immer noch ausgebaut, (die Baumaßnahmen begannen übrigens vor Covid). Das Bettgestell vor dem Nachbarhaus wurde entfernt, nun steht ein Stuhl dort und eine hässliche Lampe. Bevor ich zur nächsten Vitamin-D Pille greife, gehe ich erst mal Joggen und arbeite gedanklich an nächsten Reisen und Ausflügen. Zu Ostern vielleicht was und Mitte Mai an die See? Und dann natürlich der große Roadtrip im Juni … aber da werde ich ein anderes Mal drüber schreiben.

Find schon was.

PS: Titelbild, via ChatGPT

742) Madeira…er

Meine verbleibenden Tage hier auf Madeira kann ich schon an zwei Fingern abzählen. Ja, ich ahne schon, das Mitleid aus Deutschland wird sich in Grenzen halten (oaaaahh … das tut uns aber Leid … heul … jammer).

Also genieße ich das mal noch ein wenig, bevor es zurück in die hippe Hauptstadt geht, die eigentlich seit Neujahr entweder mit Böllern, Schnee, Eis, Split oder Hundescheiße bedeckt ist. Oder alles im Wechsel, Schicht für Schicht, festgetrampelt, so dass sich Geologen irgendwann dran erfreuen können.

Ich habe schon überlegt, für den Rückflug auf die Lufthansa umzusteigen,
denn die streikt wohl gerade,
und dann könnten sie meinen Flug absagen,
und ich müsste hier bleiben.

Denn Madeira ist um einiges kleiner, schöner, grüner, sauberer, aufgeräumter, trockener, bergiger, blumiger, sonniger.

Die Menschen sind freundlicher, entspannter, umgänglicher, einladender, ruhiger … ihre Base is‘ viel gechillter … sagt man das so?

Der Verkehr ist friedlicher, die Supermärkte offener, die Luft besser, die Nachmittage heller, die Luft wärmer … also im Prinzip ist hier alles … irgendwie …

madeira …

madeira…er

am madeira…igsten …

oder so

 

„Im Durchschnitt hast du in den letzten vier Wochen viel häufiger die Treppe genommen“, sagt die schlaue Schritte-App

Sonst 5 Stockwerke im Schnitt, die letzten vier Wochen 37.

Wow. Bergmensch.

741) Workoholix

Wenn wir diesen Wohlstand erhalten wollen, dann müssen wir mehr arbeiten, weniger krank sein und wir dürfen die Maloche nur noch verlassen, wenn die Mutter im Sterben oder das Kind in vollen Windeln liegt. Und das Ganze soll nicht nur „erhalten“ bleiben. Es soll auch noch wachsen. Wachstum, Wachstum. Ich kann es nicht mehr hören. Das einzige was Bitteschön nicht wachsen soll, ist der Pickel auf der Nase oder ein Tumor im Kopf. 

Wachstum und Wohlstand werden als „gegeben“ inszeniert, als gäbe es keine anderen Wege ein glückliches, gesundes und erfülltes Leben zu führen.

  • Wenn wir beispielsweise mal nur 10% weniger Produkte und Dienstleistungen konsumieren, würden wir weit weg von irgendwelchen Mangelerscheinungen sein.Wenn wir nur 10% der Arbeit weglassen, weil sie völlig blödsinnig ist und nur deshalb gemacht wird, weil man sie schon immer gemacht hat.
  • Wenn man die verbleibende Arbeit nur 10% effizienter erledigt, mit Maschinen und Computern automatisiert.
  • Wenn man weitere 10% an Produkten nicht nur für sich anschafft, sondern mit der Community um sich herum teilt.

dann komme ich alleine schon mit dieser Milchmännchen-Rechnung auf stolze 40% Arbeitsleistung, die man weniger arbeiten könnte.

Die Menschen haben doch nicht Dampfmaschinen und Supercomputer erfunden, damit sie weiterhin 40 – 50 Stunden die Woche ackern und sich dann noch vom querfinanzierten Regierungschef und dem fränkischen Lederhosen-Heini sagen zu lassen, dass sie zu faul sind.

Was soll das?

Danke an FreeDobby für die intensiven Gespräche heute auf der Auto-und Wandertour.

PS: Titelbild via ChatGPT

740) Größe allein ist nicht alles

Bisschen Technik, Ausdauer und Mumm gehören auch dazu.

Heute stand ich im Hafen von Funchal (Madeira) vor einem Nachbau der Santa Maria, das eine von den drei Schiffen, mit dem Columbus in Richtung Indien a.k.a. Amerika aufbrach. Und da wurde mir erst einmal eindrücklich bewusst wie verdammt klein das Schiff eigentlich war.

Nur 23-25m lang und 8m breit (ChatGPT). Und dann waren da auch noch vierzig Mann, Vorräte und Material auf dem Kahn. Von Privatsphäre, Dusche, WLAN und Netflix ganz zu schweigen. Die Orion-Kapsel der hoffentlich bald startenden Artemis II Mission um den Mond herum ist nur 10m lang und hat 5m Durchmesser, für vier Crew-Mitglieder und den ganzen Technik-Krams … und … immerhin haben sie Internet.

Immerhin weiß die Orion-Besatzung, dass es den Mond gibt und diese Reise möglich ist. Dass wussten die Männer von Santa Maria, Pinta und Niña damals nicht als sie im August 1492 die Leinen losmachten.

Wahnsinn.

PS: Vor ein paar Tagen lag die Mein Schiff 3 hier im Hafen. Mit 293m Länge und 35m Breite, 1.000 Crew-Mitglieder und 2.500 möglichen Passagieren.

Erst recht Wahnsinn

739) Willkommen im Systembruch

Im Westen Deutschlands brechen gerade mehrere Welten zeitgleich zusammen.

Das Konstrukt der Volksparteien (plus der „nervigen“ Grünen) trägt nicht mehr, nationalistische Parteien ziehen in Parlamente ein, erfolgreicher als Republikaner, DVU oder NPD es jemals waren.

Industrie und Mittelstand stehen unter Druck. Aus Fernost kommen günstige Preise und aggressive Innovationen, aus Fernwest drohen Zölle, Inflation und wirtschaftliche Unberechenbarkeit. Mit Social Media wird das Nachrichten- und Deutungsmonopol dezentralisiert, der Staat zieht sich schrittweise aus sozialen Projekten zurück und den Kirchen laufen die Mitglieder davon. 

Der Ostblock ist nicht mehr der eine klare Feind. Der Russe ist es zwar „schon wieder“, doch selbst aus dem Inneren der EU wird der Staatenbund attackiert. Der Diesel ist verpönt, der gute alte VW mutiert zum Tablet auf Rädern, und das Land wird mit Windrädern zugestellt. Frauen sollen bestenfalls gleich verdienen, aber bitte trotzdem die Care-Arbeit zu Hause im Blick behalten. Jobs geraten durch KI unter Druck, während man einem Gas-Wasser-Scheiße-Monteuer inzwischen fast demütig hinterhertelefoniert. Und zu guter Letzt kündigt der reiche Onkel aus den USA die Freundschaft, vielleicht sogar den NATO-Abwehrschirm.

Prost Mahlzeit.
Das muss man erst einmal verdauen.

Und warum „nur“ im Westen Deutschlands?
Findet das nicht auch im Osten statt? Natürlich tut es das.

Der Unterschied ist: Der „Ossi“ hat seine Zeitenwende bereits erlebt, damals, als um ihn herum die „Seitenwände“ abgebaut wurden. Nach Mauerfall und Wiedervereinigung folgte für viele erst einmal eine Talfahrt im eigenen Mikrokosmos. Kein Stein blieb auf dem anderen. Biografien wurden entwertet, Sicherheiten gelöscht, die Spielfigur auf „Anfang“ gesetzt.

Hinzu kamen der zweite Golfkrieg, der Jugoslawienkrieg und der Zerfall der Sowjetunion. Die Zahl der Asylsuchenden stieg, ebenso wie die Umsätze für Springerstiefel und Baseballschläger.

Man könnte also meinen, der „Ossi“ habe so etwas schon einmal erlebt.

Dass er sich ein dickeres Fell zugelegt, Resilienz entwickelt, vielleicht sogar so etwas wie „Krisenkompetenz“ aufgebaut hat.

Leider gelingt es dem „Ossi“ nicht, diese Kompetenz einzubringen.

Es gibt keinen Markt dafür, kein Plenum, keine Bühne. Erfahrung zählt nur, wenn sie theoretisch gerahmt, akademisch zertifiziert oder westdeutsch moderiert ist. Gelebter Kontrollverlust gilt nicht als Expertise, sondern als biografischer Makel.

Was von den ostdeutschen Verwerfungen der 90er-Jahre tatsächlich überlebt hat, ist überschaubar: Ampelmännchen. Rechtsabbiegerpfeile. Rotkäppchen Sekt. Und eine höhere Kindergartendichte.

Der Osten durfte liefern, was folkloretauglich war.
Erfahrung war nicht gefragt.

Wo sind all die neuen Coaching-Läden?

 

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PS: Titelbild via ChatGPT