Irgendwo habe ich gelesen, dass „Can you see my screen“ oder „Könnt ihr mich noch hören“ wohl zu den meistgesagten Sätzen im Deutschen Berufsleben des Jahres 2020 gehören werden. Glaube ich gern. Im Privatleben war es mit Sicherheit eher „Eigentlich wären wir jetzt in … gewesen“.
Wir waren in London, Lissabon und auf Korsika. Eigentlich. Aus Korsika wurde dann Santorin, aber wieder nur eigentlich. Aber in Bukarest, da war ich wirklich. Und an der Ostsee. Aber geht es um die Ferne, bleibt wohl nichts anderes übrig, als in Erinnerungen zu schwelgen.
Aber wenn ich so durch meine Bilder von Goa, São Paulo und Melbourne blättere, frage ich mich auch, ob ich da jetzt wirklich hinreisen wollte. Will ich aktuell in Indien sein? Ist São Paulo dieser Tage wirklich „The place to be“. Will ich jetzt über 24h in einer Metall-Röhre sitzen und nach Down Under fliegen?? Mhm … ich glaube nicht.
Also wischt man sich so durch seine Fotos und schmiedet den ein oder anderen Reiseplan für 2021.
Lust auf ein paar Eindrücke aus Goa? Vielleicht etwas coole Street Art aus São Paulo? Oder eine Portion von Multi-Kulti in Melbourne?
Es wird mal wieder Zeit für eine knackige Postkarte hier. Doch von wo soll ich denn eine Karte schreiben, wenn ich doch kaum reisen kann? Von Berlin etwa? Die Bilder vom Samstagabend waren weniger ansehnlich, eher erschreckend, verstörend, inakzeptabel!
In der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung fand ich einen Artikel, der auf die 150-jährige Geschichte der Postkarte einging.
Zitat: „147 Millionen Postkarten beförderte die Deutsche Post 2019, 2007 waren es noch 210 Millionen.“ WhatsApp, Facebook und der Selfie-Sticks sind Schuld. Und nun kommt auch noch Corona dazu und lässt die Postkarten im Drehständer stehen und ausbleichen.
Aber ich habe auch gelernt, dass man sich elektronisch Postkarten schicken kann und man muss noch nicht einmal vor Ort gewesen sein. Wie „praktisch“. Die Umwelt wird’s gut finden. Die Reiseindustrie wohl weniger.
Aber jetzt mal angenommen, ich schicke Postkarten von Orten, an denen ich noch niemals war. Woher kriege ich dann die kitschigen Kühlschrankmagneten? Aber Ihr ahnt es schon, die Antwort liegt auf der Hand. Die gibt’s bei Herrn Bezos im Hochregal. Aus aller Herren Länder. Egal ob Zuckerhut, Taj Mahal oder Golden Gate Bridge. Ich will gar nicht drüber nachdenken, wo die hergestellt werden und welche Wege die zurücklegen.
Wenn ich mir ein paar meiner Magnete aus 2019 so anschaue, kriege ich schon Fernweh.
Gegen 07:00 Uhr setzen wir mit zu viel Speed und zu viel Neigung auf dem Münchener Flughafen auf. Rums! Seit über 24 Stunden bin ich nun unterwegs und frage mich, ob man mittlerweile schon Steißknochen im 3D-Drucker herstellen kann. Ich bräuchte da mal neue.
Aber egal, es ist geschafft, mein Bedarf an Fernreisen ist erst einmal gestillt. War vielleicht etwas zu viel in letzter Zeit. Ich sollte eine Pause einlegen, mindestens solange, bis wieder neue Filme im Board-Kino auftauchen 😉
An der Passkontrolle sammeln sich zu viele Passagiere vor den wenigen Glashäuschen der Grenzbeamten. Stau. Da bin ich froh, dass ich mit meinem EU-Pass über die elektronische Schleuse abkürzen kann. Eine große Errungenschaft! Das sollte man mal bei dem ganzen EU-Bashing nicht vergessen.
Am Gepäckband werden bereits Koffer ausgegeben. Da die Mehrheit der Passagiere aber noch bei der Grenzkontrolle wartet, ist das Band schnell überfüllt. Gepäck dreht seine Runden, keiner nimmt es entgegen. Es sind einfach zu viele Koffer. Aus dem Keller des Flughafens kommen keine weiteren mehr nach. Ein Mitreisender aus Ulm lädt mich dazu ein, die Gepäckstücke auf dem Band enger zu schieben, damit die Lichtschranke wieder Lücken für weitere Koffer findet. Klingt logisch. Also schieben wir die schweren Dinger und schaffen Räume. Andere Menschen schauen uns an, als kämen wir von einem anderen Stern. In Deutschland fasst man Koffer fremder Leute nicht an. Stimmt.
Bei Starbucks hinterm Zoll kriege ich Lust auf einen Kaffee. Wie immer stehe ich ratlos vor der Theke und schaue auf die Tafel mit den Angeboten. Es ist mir einfach zu viel des Guten. Ich will einfach nur einen Kaffee, Mann! Der einzige Kaffee, der nicht schäumt, ist ein Americano oder ein Filter-Kaffee. Ich nehme dem Americano, nur um nicht „Filterkaffee“ sagen zu müssen.
Ich sitze endlich in der S-Bahn. Links von mir zieht sich eine Asiatin dezent die Lippen nach. Soll sie nur, stört mich nicht. Aber gegenüber sitzt mir eine braungebrannte Tussi, die das ganze Programm auffährt. Sie cremt sich die Arme mit „Black Opium“ ein. Boah, das stinkt, mir zumindest (…hoffentlich hat das keiner der Leser). Dann noch Pudern, Brauen zupfen, Kajal und Lippenstift. Kussmund, Schlafzimmerblick und so weiter. Das wird mir zu viel hier! Hat die denn kein Badezimmer? Soll ich vielleicht auch meinen Rasierer aus dem Gepäck holen?
Was ist heute nur los? Warum so empfindlich? Warum scheint mir das alles zu viel hier in München zu sein. Vielleicht brauche ich noch ein paar Stunden Zeit für den Wiedereintritt in good old Germany.
PS: Lieber Peter, unser gemeinsames Lunch war mir nicht zu viel, es war eine sehr angenehme Maßnahme, hier wieder anzukommen
Und weiter gehts, hier och eine zweite Postkarte aus Melbourne. Nach dem die Arbeit getan ist, bleibt noch etwas Zeit für Sightseeing. Nicht viel, aber gut geplant, kann ich noch einiges von der Stadt sehen.
Und natürlich gab es auch ein paar Kuriositäten zu sehen:
Am Freitag-Abend verschlug es uns nach St. Kilda, einem Amüsier-Viertel im Südosten der Stadt. Es gibt dort einen uralten Vergnügungspark mit Achterbahn von 1912. Kleine wilde Pinguine landen bei Einbruch der Dunkelheit regelmäßig am Pier von St. Kilda an … (Chinesische Reisegruppen deshalb auch …)
… und hinterm Yachthafen kann man die Sky-Line Melbournes sehen.
Am Samstag machte ich mich allein auf den Weg nach South Melbourne, Port Melbourne und Albert Park. 13 Kilometer lief ich da unten am Wasser herum.
Zunächst entdecke ich ein Kleinflugzeug, welches Schriftzüge an den Himmel schreibt. Macht da etwas einer Werbung für eine Bar?
Aber nein, das Flugzeug setzte für weitere Kurven an und irgendwann prangte der Markenname eines Autoherstellers am Himmel. (Wohlgemerkt, ich stehe nicht bei denen auf der Gehaltsliste!)
Am Port Melbourne kann man etwas Geschichte nachempfinden. Viele Soldaten legten von hier ab, fuhren in die Kriege der Welt und kamen nie wieder. Emigranten landeten hier und gaben Melbourne sein buntes Gesicht. Wenn man will, kann man da heute in eine Fähre nach Tasmanien steigen. Hatte kurz überlegt, die Überfahrt dauert aber 10,5 Stunden. Das wird mit dem Rückflug etwas knapp.
Auf dem Rückweg stoppte ich noch mal in der City, das Wetter war nun viel besser als noch am vergangenen Samstag, also wollte ich ein paar Dinge noch mal etwas farbiger sehen. Zunächst ein Bummel durchs alte China-Town inklusive Stopp in einem Food-Court.
Dann noch zwischen Swanston Street und Elizabeth Street im Zick Zack hin und her und zu guter Letzt nun noch etwas Street Art. Da könnte ja fast eine Tradition draus werden …
Im September hatte ich Gelegenheit die Stadt Melbourne zu besuchen. Da war aber zunächst der lange Flug. Erst 1,5 Stunden nach Brüssel, dann 6 Stunden nach Abu Dhabi und dann noch mal 13 Stunden nach Melbourne! Da merkt man erst einmal wie groß die Kugel ist, auf der wir leben.
Und die Australier hatten weitere Hürden für mich eingeplant:
Die hinter (!) der Security in Abu Dhabi gekaufte Flasche Wasser, durfte ich am Gate des Fliegers nach Australien gleich wieder in den Müll werfen. „Liquids not allowed, sorry“. Und jetzt 13 Stunden auf die Gnade der Flugbegleiter angewiesen sein?
Auch mein Duty-Free-Einkauf durfte nicht im Handgepäck nach Australien. fliegen. Nein, er wurde noch vor Besteigen des Fliegers in einen Papp-Karton verpackt und im Bauch des Flugzeugs verstaut. Abzuholen bei der Sonder-Gepäck-Ausgabe in Melbourne. Ach du meine Güte.
Bei der Einreise musste ich deklarieren, ob ich etwas „fremdes“ in die Australische Flora und Fauna einführen würde. Partout hätte ich „nö“ gesagt, aber da fiel mir doch noch die Tüte gesalzene Erdnüsse in meinem Koffer ein. Die meldete ich dann gewissenhaft an, denn das im Anflug ausgestrahlte Video der australischen Behörden drohte mit drakonischen Strafen. „There is no sorry“.
Dann interviewte mich noch ein Emigration-Officer, anfänglich war ich etwas unsicher, aber dann entwickelte sich ein netter Plausch. Bezüglich der Erdnüsse winkte er aber ab. Ich denke, der hatte kein Interesse an Erdnüssen der REWE-Hausmarke 😉
Ein paar Eindrücke aus der Stadt:
Ein Walk führte uns durch die City. Von Flinders Street, über Federation Square, Birrarung Marr, Hosier Lane, Viertel um Elizabeth Street, Centre Place. Dann rüber auf die andere Seite des Yarra River nach Southbank, über einen Asiatischen Food-Market, weiter westwärts zu älteren Hafenanlagen und wieder rüber über Docklands zurück zur Flinders Street.
Den berühmten Söhnen Australiens hat man hier sogar eine Straße gewidmet.
Am Sonntag verschlug es uns in den Zoo von Melbourne. Australische Tiere in Australien anschauen. So der Plan. Die Anlage war ganz nett, aber nur Tiere gab es wenig. Und daran war nicht nur das schlechte Wetter Schuld. Im Robben-Becken sahen wir EINE Robbe. Im Eukolyptus-Baum EINEN Koala. Im Tiger-Areal und im Hippo-Becken … na ja, den Rest kann man sich denken. Bei einem Eintritt von stolzen 38 Australien-Dollar (ca. 23 EUR) bleibt ein fader Nachgeschmack.
Trotzdem hier ein Foto vom Mini-Hippo. Dreht man es auf die Seite, glaubt man, zwei Hippos klettern einen Baum hoch.
Auch der einzige Koala bekommt hier eine Bühne. Er schlief. So wie die anderen 20 Stunden am Tag. Aber das ist halt so. Der kann ja nichts dafür.
Zum Abschuss noch coole Street Art aus der Hosier Lane:
Fazit: Melbourne ist viel größer, als ich vorher so annahm. Im Sommer ist es bestimmt ganz nett hier, jetzt im gerade beginnenden Frühling noch recht kühl.
Und der Jetlag, hat mir ganz schön zu schaffen gemacht…
Die Arbeit ist nun getan, jetzt folgt noch ein wenig Freizeit und vielleicht noch eine weitere Postkarte … Grüße von Down Under
Draußen kündigt sich ein Zug an und rumpelt über die nächtlichen Gleise. Die Tür vom Nachbarzimmer schlägt mehrfach auf und zu. Ich werde wach. Im Dunklen ertaste ich mein Handy und werfe einen Blick drauf. Sonntag, 8. September 2019, 02:35 Uhr. Wo bin ich? Melbourne.
Shit. Ich bin doch erst um 09:00 Uhr zum Frühstück verabredet.
Wie komme ich zurück nach Schlummerland? Ich probiere es auf linker Seite, rechter Seite, Bauch und Rücken. Mit Decke, ohne Decke, aber um so mehr ich es versuche, um so mehr kommt mein Denkapparat in die Gänge.
Nicht gut. Lass es! Das hört nicht mehr auf. Blick aufs Handy: 03:00 Uhr
Wieso bin ich eigentlich schon wach? Ich war doch gestern viel zu Fuß unterwegs und habe erst 23:30 Uhr das Licht ausgemacht? Ein grober Überschlag liefert mir die Erklärung. Zu Hause ist es gerade mal 19:00 Uhr. Meine letzten 3 Stunden waren für meinen Körper also eher ein Nickerchen am Spätnachmittag.
Egal was es ist, versuche zu schlafen, Mensch! Blick aufs Handy: 03:30 Uhr
Kann man Sonntag 03:30 Uhr aufstehen? Das geht ja nun gar nicht. Früher waren wir da irgendwo tanzen und haben uns auf dem Rückweg die letzten Döner-Reste vom Spieß schneiden lassen. Mag sein. Die Jugend zu Hause ist aber noch nicht einmal losgegangen.
Hör mit diesem blöden Rechnen auf, Alter. Schlaf jetzt! Blick aufs Handy: 04:00 Uhr
Vielleicht mal aufs Klo gehen? Könnte ich machen, nur wenn ich erst einmal in paar Meter laufe und das Licht an ist, dann ist die Nacht auch gleich zu Ende. Aber das ist sie eh schon. Also ab aufs Klo und auf dem Rückweg mal einen Blick aus dem Fenster wagen. Aus irgendeinem Grund sind die Fenster mit Punkten beklebt. Warum eigentlich? Sonnenschutz? Design? Und warum die Punkte unterschiedliche Größen?
Jetzt zerbrich dir nicht den Kopf über diese blöden Punkte, Mann! Geh‘ ins Bett! Blick auf‘s Handy: 04:30 Uhr
Vielleicht zu Hause anrufen? Die Gelegenheit wäre günstig, es wäre jetzt 20:30 Uhr. Aber wir hatten ja erst gestern 21:00 Uhr meiner Zeit miteinander gesprochen. Hier ist ja seit dem nicht viel passiert. Außerdem ist bei der Familie ja immer noch „gestern“, während bei mir ja „heute“ schon deren „morgen“ ist.
Nun ist mal gut Kerl, hör mit diesem Zeitrechnen auf. Sonst wird einem ja schwindelig!
Bin ich hier eigentlich jünger? Ein Gedanke: Ich bin am Donnerstag 08:00 Uhr ins Flugzeug gestiegen, war am Freitag 09:00 Uhr deutscher Zeit in Melbourne. Beim Ausstieg hat sich die Uhr auf 17:00 Uhr gestellt. Also habe ich mit der Landung mehr oder weniger den Freitag übersprungen. Mein Körper war aber noch so alt wie Freitagmorgen, während es schon Freitagabend war. Krass. Dann bin ich ja jünger als die Zeit! Dann bin ich ja ein Zeitreisender! Macht es eigentlich einen Unterschied, ob ich westwärts oder ostwärts nach Hause fliege?
Gut, das war‘s nun. Jetzt kannst das Schlafen endgültig vergessen. Du darfst aufstehen.
Und was mache ich jetzt? Den Fernseher einschalten? Da läuft nur Cricket und Footy. Etwas Arbeiten? Nö. Ist ja Sonntag. Obwohl … in Middle East da arbeiten sie am Sonntag schon wieder … also vielleicht doch etwas arbeiten? Aber nein, die schlafen ja auch noch.
Vielleicht mache ich mir einen Kaffee und schreibe einen Blog-Beitrag?
PS: Geniesst den Samstag-Abend und viele Grüße aus der Zukunft!!