791) Baltikum. Anders als gedacht

In Beitrag > Auszeit – 5 hatte ich ja schon angekündigt, mit einigen Vorurteilen, Annahmen und einer Menge Halbwissen über Polen und das Baltikum aufzuräumen.

Schon vor meiner Reise bin ich einigen Aussagen von Freunden und Kollegen begegnet. Aber ich muss mich auch selbst einschließen. Mir sind unterwegs auch solche Gedanken durch den Kopf gegangen. Nach nunmehr mehr als 6.700 Kilometern auf Landstraßen und zu Fuß, möchte ich damit jetzt ein wenig aufräumen.

Zunächst einmal das, was mir im Vorfeld so begegnet ist:

„Baltikum? Guckst du auch Nachrichten? Da hast du dir aber einen guten Zeitpunkt ausgesucht.“

Ja, mag sein. Aber die Menschen hier haben sich diesen aggressiven Nachbarn schließlich auch nicht ausgesucht.

„Baltikum … okayyyyy. Und warum ausgerechnet dahin?“

Weil sich die Berichterstattung und die Medien meist auf Süd- und Westeuropa konzentrieren. Man redet über Europa, Holland, Italien, Frankreich, Portugal, Spanien oder die Skandinavier, von denen man doch so viel lernen kann. Aber auch hier, ganz rechts oben auf der Europakarte, leben ausgesprochen nette Menschen. Es gibt viel zu entdecken und durchaus auch einiges zu lernen.

„Dann pass mal auf, dass du nicht plötzlich ohne Reifen oder gleich ganz ohne Auto dastehst.“

Völliger Blödsinn. Die Menschen hier fahren Autos jüngerer Baujahre. In der ersten Nacht habe ich mir vielleicht noch Gedanken gemacht, weil ich es ehrlich gesagt nicht besser wusste. Danach stand mein Auto aber wie selbstverständlich am Straßenrand, zwischen all den anderen Autos. Ich habe immer noch denselben Reifensatz und auch keine einzige eingeschlagene Autoscheibe auf der Straße gesehen. Vielleicht war das irgendwann einmal so, mag sein. Aber diese Zeiten sind längst vorbei.

„Hast du genug Bargeld eingepackt?“

Ja, mache ich grundsätzlich. Ich habe aber bislang fast alles mit Karte bezahlt. Selbst das Klo, wenn es überhaupt mal etwas kostete. Langsam frage ich mich, was ich mit dem ganzen Papiergeld überhaupt machen soll.

„Und wie willst du dich dort verständigen?“

Die jüngeren Leute sprechen meist Englisch, viele Schilder sind zweisprachig und wenn es doch mal hakt, hilft die App des Vertrauens. 4G oder 5G gibt es gefühlt hinter jedem Busch.

„Pass bloß auf die Mücken auf. Die Müüüüüücken. Ich sag dir: überall Mücken.“

Ich habe zwar Mückenspray im Koffer, aber bisher noch kein einziges Mal gebraucht. Auch Kühlergrill und Frontscheibe sehen längst nicht mehr so aus wie früher nach einer Sommerfahrt. Das macht mir ehrlich gesagt eher Sorgen. Wo sind die alle geblieben?

Soweit die guten Ratschläge von anderen. Aber nun an die eigene Nase gefasst:

„Ich packe besser ein paar Vorräte ein. Wer weiß, wo ich da lande.“

Völliger Unsinn. Ich muss mich inzwischen eher zwingen, die Sachen aufzubrauchen, damit ich sie nicht wieder mit nach Hause nehme. Hier gibt es an jeder Ecke Supermärkte. Übrigens auch Sonntags. Side Kick. Ladenschlussgesetz …

„Und vielleicht noch fünf Liter Sprit extra in den Kofferraum. Man weiß ja nie.“

Genau derselbe Quatsch. Tankstellen gibt es hier selbstverständlich ebenfalls. Stattdessen riecht meine Karre jetzt nach Benzin.

„In diesem grauen Gebäude soll mein Appartement sein?“

Hinter der Tür erwartete mich eine geschmackvoll eingerichtete Wohnung, in der es an nichts fehlte.

„Da oben am Kap Kolka ist doch das Ende der Welt. Fahr mal besser vorher noch einen Supermarkt an.“

Der Wirt des Gasthauses begrüßte mich in herrlichem Osteuropa-Englisch. Wir vereinbarten für kleines Geld ein Omelett zum Frühstück. Am Abend bestellte ich von seiner Speisekarte und trank ein, zwei Lāčplēsis-Bier, den „Bärentöter“. Und direkt neben dem Hotel befand sich … ein kleiner Supermarkt.

Also hört endlich auf mit diesen alten Klischees. Das gilt übrigens auch für deutsche Mietwagenanbieter, die mir gar nicht erlauben wollten, hierherzufahren. Ich weiß bis heute nicht, warum.

In den nächsten Tagen schreibe ich noch über ein paar Dinge, die mich hier wirklich positiv überrascht haben und bei denen sich Großmaul-Deutschland durchaus die eine oder andere dicke Scheibe abschneiden könnte.

Alles richtig gemacht und ich werde wiederkommen.

Bis die Tage

531) Von Bettel-Bias und Bias Battles

Bei den Diskussionen um Rassismus, Sexismus und Vorurteile (engl. Bias) fragt man sich bestimmt auch mal, wie man bei dem Thema so unterwegs ist. Ich zumindest. Zunächst kommt mir da schnell ein „Ich doch nicht“ in den Kopf, im Alltag ertappe ich mich dann doch ab und zu, nicht ganz frei von solchen Denkmustern zu sein.

Hier ein Beispiel aus meinem Alltag.

Vor dem Supermarkt an der Ecke bittet täglich jemand um Kleingeld. Dabei herrscht wenig Fluktuation, der Platz scheint saisonal erstritten oder „vergeben“ zu sein. Die Menschen, die dort auf ein paar Euro hoffen, bleiben längerfristig und da ich fast täglich in den Laden stolpere, kenne ich ihre Gesichter. Gelegentlich werfe ich eine Münze in einen Becher oder lasse einen Pfandbon da. Mir fällt aber auf, dass ich dabei je nach Nase unterschiedlich spendabel war.

In einem vergangenen Sommer saß ein Junge mit europäischen Wurzeln auf diesem Platz. Nennen wir ihn hier einfach mal „Mike“. Er war blond, hatte einen Hund an seiner Seite. Dieser Mike schien in Berlin gestrandet zu sein.
… was sitzt der hier rum? Ich hab’ den Arsch voll zu tun. Der kann doch arbeiten? Wenn er Geld für einen Hund hat, dann … 

Mike wurde irgendwann abgelöst durch einen Afrikaner. Der war groß, stämmig und nun ja halt … dunkel. Der verbrachte einen ganzen Winter dort, stand bei Wind und Wetter vor dem Supermarkt. Nennen wir ihn hier einfach „Kofi“ (um gleich mal das nächste Klischee zu bedienen), bei Kofi ging ich selbstverständlich davon aus, dass er geflohen war.
 … aus Afrika, man oh man. Bei dem Scheißwetter. Fernab der Heimat. So ein weiter Weg. Versteht die Sprache nicht, arbeiten darf er nicht. Was soll der hier auch anderes machen …

Aber auch Kofi war dann irgendwann weg. Dann stand eine Weile ein Mann dort, um den alle Passanten einen Bogen machten. Speckiger Mantel, ungepflegte Haare, zotteliger Vollbart, redete mich sich selbst oder mit seinem imaginären Gefährten. Die Finger, die seinen Becher hielten, waren schwarz, nicht weit von ihm stand immer eine Flasche. Welchen Namen geben wir ihm? Tja, da geht‘s schon mal los. Wie heißt „so einer“ denn? Cornelius, Maximilian, Jonathan? Oder Kevin, Randy, Mike? Kommen solche Menschen namenlos auf die Welt?
 …ich würd‘ dem ja was geben. Aber dann kauft der davon nur Sprit. Das hilft ihm ja auch nicht aus der Misere, so kommt der auch nicht auf die Beine. Aber ich kann dem doch jetzt auch keinen Prenzlauer-Berg-Öko-Vegan-Bio-Smoothie in die Hand drücken …

Der Mann ohne Namen war Ende 2023 verschwunden. Seitdem sitzt ein junge Frau dort auf den Steinplatten. Rein optisch würde ich ihre Herkunft „irgendwo“ rund um‘s Schwarze Meer vermuten. Sie hatte auch schon mal eine Zeit bei der Sparkasse die Türen aufgehalten. Nennen wir sie hier im Beitrag einfach „Mariana“.
…armes Mädel. Die sollte hier nicht sein, holt sich noch was weg, wenn die da so sitzt. Das kann man doch nicht mit ansehen …

Vier Menschen, die am selben Platz dasselbe tun. Einen Becher halten und auf Kleingeld hoffen.

Nun notiere ich meine Kleingeld-Gaben zwar nicht, aber wenn ich die nach Höhe und Name sortieren müsste, dann ergäbe es wohl folgendes Ranking … 

1. Mariana, weil Frau
2. Kofi, weil Afrikaner
3. Mann ohne Namen, weil Mitleid
4. Mike bekam nix, weil faul

… ziemlich sexistisch, rassistisch und vorurteils-beladen …
… ohne auch nur ein Wort mit denen gewechselt zu haben.

Oder?

(Titelbild mit freundlicher Unterstützung von DALL-E)

6) Ruled by prejudices (Guest Post by FreeDobby)

Liebe Leser, auch die :innen und :außen, heute ist ein besonderer Tag, denn ich möchte einen Gastbeitrag von FreeDobby vorstellen. Sie ist Schülerin an einem Berliner Gymnasium (was bald in sich zusammen fällt vermute ich 😉 ) und veröffentlicht den ersten englischen Beitrag hier in meiner kuscheligen Privat-Bloggerei. Damit kommt hier gleich zu Beginn des Monats April etwas mehr Qualität rein!

Tipp: Wer keine englischen Texte lesen mag … die Online-Übersetzer liefern erstaunliche Ergebnisse.

Beginn Gastbeitrag von FreeDobby:

Briefly, I wrote this based on an essay for my English class, so I only picked out a few prejudices. This is mainly about the countries in Europe here, as that was my teacher’s assignment. I didn’t go further into racism or other important issues because there is so much to discuss about, it deserves at least a separate post. I myself do not stand behind these prejudices, I just wanted to emphasise it a bit exaggeratedly so that the seriousness becomes conscious. There are much more important superficial prejudices to think about and to make sure that they are reduced. If any of these apply to you or your home country, don’t take offense, I just want to draw attention to the issue as I think it is far too often suppressed. Enjoy.

Prejudices got very common. Most people have pictures of people and their countries in their head, like British people always drink tea and are very polite or American people are always casual and open. I think that is a huge problem. Suppose you want to travel. Your family is doing suggestions where to go. With every country they enumerate you have biases in your mind about the country and the people there. Like: „Oh no, not Germany, the people there are so stuffy and punctual.“ or „No. Not Italy, half of the Italians are in the mafia.“ or „Belgium, the people there are just eating chocolate, aren’t they?“ I think most people aren’t doing this on purpose, it just comes up to their mind because they’ve heard those things in their everyday life.

And it’s not just the people in the different countries, also among the population itself. You often get judged before you’ve even met that person, and maybe if you think about it, you catch yourself doing the same. It doesn’t matter where you are: on the streets, at school/work or on the train, people will always have a picture of you in mind, they think they know you. Your character, your hobbies. They think they know you, even though you might have been standing several meters away. They judge you by your look, by your style, your skin color and your body. Isn’t that superficial? And also nasty? An example, a harmless one, that is really common in my generation and that I experienced several times: You and your friends are changing rooms at school. You are walking by a person reading a book and instantly think: „Oh, she‘s a nerd. I bet she does nothing else but learning in her free time, with her you can’t have fun.“ Perhaps she just wants to study further, she wants to graduate and wants to go to a good university. Maybe she just wants to understand the world. Is there something wrong with that? No. If you would‘ve just gone to her with an open mind, perhaps you would be friends today because she isn’t who you first thought she was.

I think without prejudices life would be much easier. If you once have those biases, you can’t really switch them off, so please prevent yourself from getting those. Try, the next time you will have a conversation with a stranger or you will just look at him, to think of him with a clear mind without judging.

You don’t know what life has in store for you!

Ende Gastbeitrag von FreeDobby

FreeDobby freute sich auf Feedback, gerne unten kommentieren, ich leiter weiter.