Über Hass und Hetze wird viel geschrieben. Zurecht, denn da gibt es ein paar sehr gefährliche Entwicklungen. Aber heute will ich mal über Hatz, Hast und Hetze in Berlin schreiben.
Denn gerade wenn man nach längerer Zeit wieder zurück nach Berlin kommt, merkt man sofort, wie scheinbar irre hier doch alle sind.
Hat man sich im Ausland irgendwann damit abgefunden oder sogar angefreundet, mit 90 km/h unterwegs zu sein, hat man das Laissez-faire und eine gewisse Langsamkeit genossen, ist das spätestens mit dem Überfahren der Berliner Stadtgrenze vorbei.
Man fragt sich unweigerlich: Habe ich vielleicht die Benimmregeln am Ortseingangsschild übersehen?
Achtung, Sie betreten den Sektor Berlin.
Ab sofort eilen Sie mit Tunnelblick durch die Straßen. Schauen Sie dabei möglichst griesgrämig drein und/oder auf Ihr Handy.
Gehen Sie bloß nicht zu langsam. Die Richtgeschwindigkeit beträgt mindestens 20 Prozent über normal.
Blockierte Rolltreppen dürfen ausdrücklich mit Schnaufen, Augenrollen oder der Aufforderung „Ick hab ja Zeit“ geräumt werden. Im Zweifel quetschen Sie sich einfach vorbei. Ob dabei jemand vornüberkippt, ist zweitrangig.
Sollten Sie irgendwo warten müssen, machen Sie durch hektisches Schauen, Seufzen und demonstratives Kontrollieren der Uhr deutlich, dass Ihre Zeit wertvoller ist als die aller anderen Herumirrenden.
Wird im Supermarkt zögerlich eine zweite Kasse aufgerufen, verlassen Sie unverzüglich die bisherige Schlange und arbeiten sich in Wayne-Rooney-Manier durch das Mittelfeld nach vorn zum Ziel. Wer zuerst an der neuen Kasse steht, hat gewonnen.
Erwachsene Radfahrerinnen und Radfahrer sind gehalten, bevorzugt die Fußwege zu nutzen. Das verschafft einen zeitlichen Vorteil und schont auf dem vorkriegszeitlichen Berliner Straßenpflaster Fahrrad, Handgelenke und unteren Rücken.
Ampelsignale sind ab sofort weitgehend irrelevant, bestenfalls Empfehlungen. Auch wenn Kinder am Straßenrand stehen, müssen Sie selbstverständlich kein Vorbild sein.
Wenn eine Bahn das Abfahrtssignal gibt, werfen Sie sich mit aller Kraft gegen die Türen. Blockieren Sie diese mit Rucksäcken, Taschen oder allem anderen, was Sie gerade dabeihaben. Sie haben schließlich einen Anspruch auf genau diese Bahn.
Sollte die Bahn trotzdem abfahren, hämmern Sie wütend gegen die Türen, spucken Sie gegen die Scheiben und flippen Sie ruhig ein wenig aus.
Nimmt Ihnen jemand die Vorfahrt, steigen Sie aus, gehen Sie zum Fenster des anderen und drohen Sie ihm Prügel an. Vergessen Sie dabei bitte nicht, ordentlich zu blöken. Schließlich müssen auch alle anderen Verkehrsteilnehmer und Anwohner erfahren, dass Ihnen gerade Unrecht widerfahren ist.
Und sollten Sie dieses Schild übersehen haben: Keine Sorge.
Es ist ansteckend. Sie werden sehen.
Willkommen in Berlin.
PS: Titelbild via KI
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Es gibt viele Gründe, warum ich Berlin nicht mag. In diesem Beitrag sind einige versammelt.
Sicher, vieles gibt es in anderen Großstädten auch, in Berlin habe ich allerdings das Gefühl, ist es alles noch extremer, lauter, übellauniger, aggressiver.
Brauch ich nicht.
Nun muss ich sagen, dass das auch nicht überall und jeden Tag so ist, aber ich denke es wird auf jeden Fall mehr. Klar, die Stadt wächst, es kommen immer mehr Menschen, die wollen alle irgendwo hin und die Medien und der Zeitgeist vermitteln jedem, dass er sich doch voll entfalten sollte. Nur wenn sich jeder entfaltet, wirds halt eng. Logisch eigentlich. Deshalb faltet man ja …
Nicht nur in Berlin. Selbst im beschaulichen Basel ist das Phänomen, das du beschreibst, zu beobachten, vielleicht nicht gar so auf die Spitze getrieben wie in Berlin, aber als aktuelle Entwicklung klar beobachtbar.
Ich nenne das eine Verluderung im Sozialen. Man könnte es auch eine Barbarisierung nennen. Die Menschen sind zunehmend in ihrem Ego gefangen, aber gleichzeitig per Smartphone mit der ganzen Welt verbunden …
Früher nahm man beim Ein- und Aussteigen beim ÖV auf einen Rollifahrer Rücksicht, um nur ein Beispiel zu nennen. Heute möchte man möglichst vor ihm drinnen (oder draussen) sein, weil man ja sonst – o Schreck – von einem Behinderten noch behindert werden könnte und wertvolle Sekunden verliert. Bin ich im städtischen ÖV unterwegs, kippe ich oft selbst in den Kampfmodus. Schrecklich!
Komisch finde ich auch, dass es in der eigenen kleinen Nebenstraße noch ganz nett und vernünftig zugeht, aber wehe man nähert ich der nächsten großen Kreuzung. Da drehen alle durch. Und ja, selbst wenn man mit Rolli oder Kinderwagen unterwegs ist, kannst du drauf warten, dass dir irgendeiner vor die Räder springt. Ich wohne schon immer in Berlin und manchmal frage ich mich, ob nur ich das wahrnehme, aber nein ich höre das auch von anderen und sogar aus Basel.
Schöne Grüße