774) Post von Y-Tours

„Y-Tours – wir buchen, Sie fluchen.“ So hieß es bei uns Mitte der Neunzigerjahre. Gemeint war damit, dass die Bundeswehr gern hübsche Touren plante, ohne die jungen Reisenden vorher zu fragen, ob das überhaupt in deren Lebensplanung passte. Vielleicht war der Spruch auch schon älter. Gut möglich.

Heute lag jedenfalls eine Postkarte der Bundeswehr im Briefkasten. Natürlich im attraktiven Tarnfleck-Design. In der Mitte prangte der Nachname des Stammhalters auf einem olivgrünen, textilartig gestalteten Namensfeld.

Die Bundeswehr lässt also inzwischen personalisierte Grußkarten drucken. Plus 0,36 Euro für Versand per Dialogpost.

Wer genauer hinschaut, versteht den Marketing-Gag schnell. Wer dagegen nur im Vorbeigehen darauf blickt, reagiert womöglich etwas hektischer. So wie die „Ministerin für Familie, Kultur und Außenbeziehungen“, die beim Nachhausekommen kurz Schnappatmung bekam. Aus der Entfernung wirkte das Namensfeld nämlich eher wie ein Aufnäher oder Klettband für eine Uniform, in Realität ist es flach aufgedruckt.

Da weder Hundemarke noch Einberufungsbefehl beilagen, entspannte sich die Lage allerdings schnell wieder.

Ich verstehe schon, dass die Bundeswehr dringend Nachwuchs braucht. Aber diese Art der Ansprache finde ich doch etwas geschmacklos.

Ja, auf der Rückseite standen dann allerlei Informationen, ein paar flotte Botschaften und Hinweise auf Nachwuchsmessen und Karriereangebote. Rein sachlich betrachtet also erstmal nichts Besonderes.

Trotzdem hinterlässt diese Art der Inszenierung bei mir ein merkwürdiges Gefühl. Vielleicht, weil bewusst mit genau dieser kurzen Schrecksekunde gespielt wird. Vielleicht auch, weil man Personalmarketing und Tarnfleck-Romantik inzwischen derart professionell miteinander kombiniert.

Stüüüülgestaaaaaaaanden!

PS: Postkarte nachgestellt mit KI, aber genauso sieht sie aus, nur der Name ist natürlich anders

528) Faktor (minus) Vier

Heute morgen, beim Zähneputzen und Morgenradio, musste ich an das Buch „Faktor Vier“ denken. Faktor what???

„Faktor Vier“, ein Bericht des Club of Rome, Ende des letzten Jahrtausends veröffentlicht, in dem man ganz eindrücklich vorgerechnete, wie man doch trotz einer Halbierung des Rohstoffeinsatz, eine Verdoppelung des Wohlstands erreichen kann. Macht also einen Faktor Vier an Verbesserung. Steht bei mir im Schrank, kann ich gern ausleihen 😉

Und wie komme ich morgens 05:30 Uhr auf dieses Buch? 

Ganz einfach, die Berliner Nachrichten brachten ungefähr folgenden Text (aus dem Gedächtnis rekonstruiert):

  • Teil 1: In den nächsten Jahren rechnet man mit der Halbierung der Fahrer/Innnen im ÖPNV, wegen Alter oder Abwanderung in andere Berufe. Mangelnde Attraktivität, Vergütung … usw …
  • Teil 2: Die Politik will die Nutzung des ÖPNV bis 2030 verdoppeln. Eigentlich gut. Applaus.

Aber selbst mein noch müder Kopf ließ die Schlussfolgerung zu, dass diese Rechnung irgendwie nicht aufgeht.

100% geteilt durch die Hälfte (wegen halbiertem Personal), noch mal durch die Hälfte (wegen Verdopplung Fahrgastnutzung), macht doch 25% oder?

Im ÖPNV laufen wir also gerade auf Faktor „minus“ Vier zu?

Ja, ick weiß … ihr Mathe-Asse … , eine Verdopplung der Fahrgastzahlen, benötigt nicht unbedingt eine Verdopplung der Fahrer/Innen … aber trotzdem zeigt diese Milchmännchenrechnung doch ein Problem.

Soviel attraktiver wird der Job wohl nicht werden und Hochverdiener werden das auch nicht, denn das wollen wir dann auch alle nicht bezahlen. Die AI kann zwar Texte und Bilder generieren oder Tumore finden, aber einen Bus durch Berlin fahren, das kriegt nicht mal Superman hin (habe ich zumindest noch nie gesehen).

Vielleicht sollte ich doch noch umschulen auf Busfahrer?

Sonst heißt es bald: „Sehr geehrte Fahrgäste, ein Viertel der Fahrstrecke ist absolviert, die Fahrt endet hier, bitte steigen sie aus. Wir setzen die Fahrt morgen fort. Fahrkarten behalten ihre Gültigkeit.“

Also ehrlich mal, ist das deutsche Bus/Tram/S-Bahnwesen so kompliziert, dass man es nicht Busfahrern aus Kabul, Allepo, Karatschi, Delhi, Kiew, etc beibringen kann? Man muss doch nur wollen.