731) Wenn die Zeitenwende zu uns spricht

Über diesem Beitrag werde ich vermutlich länger sitzen, und es wird nicht einfach sein, die richtigen Worte zu finden. Denn es geht um Botschaften, die ich über Medien, Nachrichten und Podcasts empfange. Botschaften, bei denen ich mich zunehmend frage, ob ich im falschen Kinosaal Platz genommen habe oder ob der Saal sogar korrekt ist, jemand aber eine andere Filmrolle eingelegt hat.

Drei Beispiele:

  • Mit einer Selbstverständlichkeit wird mittlerweile täglich über Waffengattungen, Mannstärken und Fähigkeiten diskutiert – da kann einem nur schlecht werden. Ich habe darüber schon oft geschrieben, siehe unten. Selbst hochkarätige Sicherheits- und Wehrexpert:innen, die ihre Worte normalerweise sorgsam wählen, sprechen nur noch von „Masse“, wenn sie eigentlich Mensch und Material meinen. So, als wäre das lediglich ein Buchstabe an der Kreidetafel, der mit einem anderen Buchstaben multipliziert werden muss, um … schwuppdiwupp … die volle Schlagkraft zu entwickeln.
  • In Podcasts meines Vertrauens fragten die Hosts ihre Gäste, wann für sie denn das Maß voll sei und wohin sie gedenkten, das Land zu verlassen, sollte Deutschland weiter nach rechts kippen. Allein schon diese Frage lässt mich schaudern. Ich kann ja verstehen, dass sich manche Menschen diese Frage ernsthaft stellen – aber muss sie uns deshalb so zweifelsfrei präsentiert werden, als ginge es um die Pläne fürs kommende Wochenende? Gibts vielleicht bereits eine Booking-App, die ich mir noch runterladen sollte? Also FOBL statt FOMO, FOBI und FOBO? „Fear of being last“
  • Ebenfalls dieser Tage gehört: die Frage, was denn wäre, wenn es zum Verteidigungsfall käme. Was wäre man(n) selbst bereit zu leisten? Würde man seinen Mann „stehen“ oder sich gar „verpissen“? Ja, das Wort „verpissen“ wurde tatsächlich genutzt, im Kontext von Wehrdienstentzug. Man sprach sogar von den „Verpissern“. Und das in einem links-grün gewürzten, progressiven Podcast, der mir eigentlich sympathisch ist. Natürlich hatten die Gastgeber in einem Punkt durchaus recht: Man muss sich ja nicht „verpissen“, denn man kann auch auf andere (…legale)  Weise etwas für die Gesellschaft leisten. Das Wort „Vaterland“ hatten sie dankenswerterweise vermieden.

Diese Worte, diese Formulierungen, sie tropfen langsam durch die Decke, wie bei einem undichten Dach. Sie scheinen normal zu werden, gehen in den alltäglichen Sprachgebrauch über. Man gewöhnt sich dran. Tropf … Tropf … man kann einen Eimer mit eigenen bubbles drunterstellen natürlich … oder weghören, dann stört’s nicht so. Das macht mir ernsthaft Sorge. Das erinnern an Zeiten, von denen wir doch gehofft hatten, sie hinter uns gelassen zu haben.

Bin ich der Einzige, der dieses wording zunehmend lauter hört?

Oder bin ich mal wieder der Letzte in der Reihe, der es nun auch endlich gecheckt hat?

Ist das von nun an die neue Sprache, die mit der Zeitenwende frei Haus mitgeliefert wurde?

PS: Titelbild via ChatGPT

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8 Kommentare zu „731) Wenn die Zeitenwende zu uns spricht

  1. Leider sind die von Dir genannten Beispiele inzwischen keine Ausrutscher Einzelner mehr. Differenzierte Betrachtungsweisen und angemessene Wortwahl scheinen völlig aus der Mode zu kommen – in vielen Bereichen.

      1. Das war leider schon immer so. Kurzzeitig schien es mal so als ändere sich das, aber nun hab ich den Eindruck, wir machen die Rolle rückwärts

  2. Und wie schnell sich die Wortwahl und damit auch das Gedankengut verändert hat! Genährt von Ängsten und angeheizt von zweifelhaften politischen Akteuren ist eine Art Verrohung zu beobachten, auch in der Schweiz. Hier allerdings in abgemilderter Form.

    Mich treibt die Frage um: Wie dem – in aller Bescheidenheit – entgegenhalten?

    1. Schwierig.
      Bestimmen die Worte anderer das eigene Handeln?
      Oder
      Entwickeln sich über das eigene Handeln die Worte der anderen?

      Ich würde die zweite Variante bevorzugen, das Handeln muss aber vom Herz aus geschehen, weniger vom Portemonnaie oder Smartphone aus

    2. „Der Feind hat die Waffe im Anschlag. Neben Dir Deine schwangere Frau. Schießt Du (oder verpisst Du Dich)?“

      Antwort 1:
      „Ich habe keine Waffe. Deswegen schießt er ja auch nicht.“

      Antwort 2:
      „Hat der Feind auch eine schwangere Frau bei sich, wenn ich eine Waffe im Anschlag habe?“

      Antwort 3:
      „Ich verpisse mich, bevor mir einer eine Waffe aufnötigt.“

      1. Normalerweise habe ich keine Waffe bei mir. Also fällt Antwort 2 erstmal aus. Den Typen vollzutexten wird wohl nicht viel bringen also, ja, vermutlich würde ich den Rückzug antreten.

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