13) SmartVid-20 – Teil 2

Der wiedergefundene Zeitungsausschnitt vom 20. März 2021 (hier zum nachlesen), wird wohl für immer in der metallenen Erinnerungskiste im Flur verschwinden. Persönliche Erinnerungen wurden bis Mitte 2021 üblicherweise unterm Bett oder auf dem Dachboden gelagert. Seit der vielen Feuer im Frühling 2021, der damit einhergehenden Zerstörung vieler Erinnerungsstücke und den Millionen Klagen gegen die Bundesrepublik, wurde das PEaG (Persönliche Erinnerungsaufbewahrungs-Gesetz) verabschiedet. Es regelt die künftige Aufbewahrung solcher Erinnerungen in den eigenen vier Wänden. Eine feuerfeste Metall-Kiste der Schutz-Klasse A1, die im Flur zu stehen hat, soll das zügige und eigenhändige Heraustragen im Feuerfall ermöglichen. Kaum war der Ausschnitt von März in der Kiste verstaut, fällt ein zweiter Zeitungsartikel in die Hände.

Berliner Allgemeine Zeitung 11. April 2021:

Bundesregierung, Feuerwehr, Polizei und KatSchutz-Behörden rufen die Bürger erneut dazu auf, ihre Smart Phones und Tablets an die ausgewiesenen Sammelstellen zu schicken, um sie nachhaltig zu zerstören. Nur so lasse sich die Ausbreitung von SmartVid-20 eindämmen, hieß es. Mit Durchsagen über Funk und Fernsehen werde versucht, jeden Haushalt zu erreichen. Dies gestalte sich jedoch mehr als schwierig, da die meisten Menschen ihre Informationen nicht mehr über diese konventionellen Kanäle beziehen, sondern nur noch über ihre Smart Devices. Man stecke hier in einem Dilemma, bestätigte Bundesinnenminister Horst Meerkötter. Das Einfachste wäre natürlich, Push-Nachrichten auf die Millionen Geräte zu schicken. Damit würde man zwar alle Bundesbürger sofort erreichen, jedoch wäre die Maßnahme kontraproduktiv, wenn es doch eigentlich darum ginge, die Smart Phones zu zerstören. Zudem bestehe ein hohes Risiko, dass diese Nachrichten als lästige Werbung oder Fake News weggedrückt werden. Ein eigens für diese Aufgabe gegründeter Think Tank rät indes dazu, subtile Durchsagen in Netflix-Serien und Podcasts zu integrieren. Diese würden dann irgendwann gestreamt und die Nachricht wäre somit übermitteltet. Aber auch das gestaltet sich schwierig, werden solche Formate doch meistens über Smart Devices konsumiert, die man doch zügig vernichten wolle. Die Maßnahme würde zudem zu lange dauern und die notwendigen Retour-Quoten würden so nicht erreicht. Die KatSchutz-Behörden dagegen schlagen vor, mit Lautsprecher-Wagen durch die Straßen zu fahren und die Menschen über diesen analogen Weg zu informieren. Aber auch hier scheint der Wirkungsgrad gering, da die Menschen ihre Wahrheiten nicht mehr auf der Straße suchen, sondern in ihren digitalen Welten. In einem Feldversuch wurde nun die im März 2021 seitens der Smart Phone Hersteller vorgeschlagene Fernzündung der Geräte getestet. Alle Smart Phones und Tablets der Gemeinde Klein-Kennstenicht wurden gestern in Brand gesetzt. Es sei zu erheblichem Sachschaden in den Wohnungen gekommen. Größeren Personenschaden gab es, aufgrund der durch die Smart Phone Branche initiierten Brandmelder-Pflicht, glücklicherweise nicht. Insider sind sich einig, dass dieses Vorgehen innerhalb der nächsten zwei Wochen für ein zufällig gewähltes Bundesland wiederholt wird. Mit Spannung wird die Ansprache der Bundespräsidentin heute Abend erwartet, in der letztmalig zur freiwilligen Abgabe der Geräte motiviert werden soll.

Ende Zeitungsartikel Berliner Allgemeine Zeitung vom 11.04.2021

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92) Corona-Lektionen 14

Stolpert man dieser Tage durch die Nachrichten, kann man sicher sein, dass unter den nächsten zehn Wörtern, das Wort „Corona“ fällt. All die anderen großen Probleme unserer Zeit scheinen nicht mehr zu existieren. Die Flüchtlingskinder in Griechenland können von Glück reden, wenn sie noch 30 Sekunden Sendezeit vor den Lotto-Zahlen kriegen. Die große Suchmaschine findet für das Wort „Corona“ 7.000.000.000 Treffer, mehr als für das Wort „Sex“, das bringt nur 5.000.000.000 Treffer. Aber wann ging das eigentlich los? Wann trat Corona auf die Medien-Bühne?  

Also wühlte ich mich durch die ARD-Mediathek, um das mal nachzuvollziehen.

01.10.2019 
Militärparade zu 70 Jahren Volksrepublik China, Hong Kong, neuer Pflege-TÜV, Klimaschutzpaket, Internet Cookies, Brexit, Strache und die FPÖ, das Wetter

01.11.2019
Deutsch-Indisches Regierungstreffen, Russisch-Türkischer Militär-Einsatz in Nord Syrien, Demos in Bagdad, Internet Kontrolle in Russland, Wahl in Bolivien, neue EZB Präsidentin, Madrid übernimmt Ausrichtung der UNO Klimakonferenz, Qualitäts-Checks in Pflegeheimen, Allerheiligen, das Wetter

01.12.2019
Koalitionsvertrag SPD/CDU, AfD in Sachsen-Anhalt, Kenia-Bündnis in Sachsen, Von der Leyen wird EU-Chef, Unterwanderung der Kommando Spezialkräfte, Spendensammlungen zur Adventszeit, Bundesliga, Kultur, das Wetter

01.01.2020
Neujahrsfeste, Angriff auf US-Botschaft in Bagdad, Silvesterkrawalle, 30 tote Tiere im Affenhaus, Papst auf Neujahrsmesse, Hong Kong, Bus und Bahn in Augsburg kostenlos, Nominierung der Kulturhauptstadt Europa, Vierschanzentournee, Lottozahlen, das Wetter

01.02.2020
Rückkehrer aus Wuhan in Frankfurt gelandet, Amtsenthebungsverfahren Trump, Buschbrände in Australien … Hah! Da war es doch gerade eben, oder? „Wuhan“. Also „Corona„. Aber das muss doch vorher schon …. ich scrolle noch etwas zurück und checke die Titel-Bilder der Sendungen.

21.01.2020
Weltwirtschaftsforum, Klimaschutz, Amtsenthebungsverfahren Trump, Kohle-Ausstieg, „Rat der Arbeitswelt“, Finanzminister Scholz, Gedenkfeier für Manfred Stolpe, Holocaust-Ausstellung, Paul-Ehrlich-Preis, Teilerfolg für Künast, Bundeskanzlerin Merkel ehrt Berliner Sportvereine, Das Wetter. Corona? Nicht einmal im Nebensatz

Aber wann war das nun? Genau einen Tag später.

22.01.2020
Da titelte die Tagesschau „Lungenkrankheit in China, Mehr infizierte durch Corona-Virus.“

Aber das war in China, weit weit weg.
Na ja, und von da an ging es Schlag auf Schlag.

28.01.2020
Neuer Coronavirus erreicht Deutschland

02.02.2020
Zwei Corona Fälle in Deutschland

13.02.2020 
China räumt höre Fallzahlen ein

26.02.2020
Deutscher Gesundheitsminister warnt vor „Epidemie“.

So, und den Rest kennen wir ja. Seitdem sind noch nicht einmal 8 Wochen vergangen.

Schöne Ostern

T.

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91) Corona-Lektionen 13

Wir gehen auf Ostern zu und haben nun endlich mal wieder die Gelegenheit, mit den Lieben etwas zur Ruhe zu kommen. Zu Hause. War das nicht zu Weihnachten schon so? Und seitdem eigentlich durchgehend?

Ein paar Gedanken aus den letzten Tagen:

Systemrelevant: Es wurde schon viel über den Begriff geschrieben, aber mich lässt der noch nicht ganz los. Bislang kannte ich „systemnah“ und „systemkritisch“. Beides extreme Gegensätze. Beides kann gefährlich werden, je nachdem, wer im System gerade das Sagen hat. Systemrelevant sind Menschen, die wichtig sind, das System aufrecht zu erhalten. Alle anderen sind demnach system-irrelevant. Also irgendwie zwar „da“, aber eben nicht relevant. Na vielen Dank auch. Danke, dass wir gerade den Job der Lehrer machen, danke, dass wir weiterhin Steuern zahlen und uns mit Klopapier-Käufen zurückhalten, damit das System nicht ins Wanken gerät. Und was bitte ist das „System“. Der Staat? Die Firma, für die ich arbeite? Oder meine Familie? Systeme gibt es in verschiedener Gestalt und Größenordnung, in denen wir durchaus relevant sind. Also Vorsicht mit solchen Kunstwörtern. Wir geben uns soviel Mühe nicht mehr Männlein, Weiblein und Diverse zu trennen und sprachliche Entgleisungen wie den „Negerkuss“ und „Heim ins Reich“ zu vermeiden. Da wird es uns doch gelingen, ein etwas wertschätzenderes Wort zu finden, das nicht alle anderen in die Irrelevanz abdrängt. Reicht ja schon, wenn sich die Schere in arm und reich teilt, muss ja nicht noch relevant und irrelevant dazu kommen. Obwohl es eine interessante Diskussion wäre, ob‘s vielleicht sogar jeweils dieselben Menschen sind 😉

Normalität: Manchmal höre ich, dass doch hoffentlich bald wieder alles „normal“ wird. Hätte ich auch gern. Aber dann frage ich mich, welches „normal“ denn? Die Situation wie sie zu Jahresanfang war? Corona war weit weg und wir Europäer tanzten und husteten auf der Ski-Hütte? Die Normalität von … sagen wir … 1. Oktober 2019? Ganz zufällig gegriffen. Oder die von 2008, vielleicht? Was hätten wir denn da gern? Eher vor der Finanzkrise oder besser danach? Oder besser das Jahr 2000? Da hatten wir die Datumsumstellung überstanden und 9/11 war noch weit weg. Darf‘s sonst noch `was sein? Diese kurze Zeitreise zeigt schon, dass sich Normalität immer wieder neu definiert. Müssen wir vielleicht einfach damit leben, dass das jetzt erst einmal unsere Normalität ist? Und wenn das alles einmal vorbei ist (wann ist das eigentlich?), wird die neue Normalität nicht mehr wie die alte Normalität sein. Mhm. Doof. Wandel. Permanente Anpassung.

Verschwörung: Gestern habe ich ein paar Beiträgen in der Glotze gelauscht. „Nichts wird mehr so sein, wie es mal war“ … sagte der Eine und „Die Menschheit stünde an einer Abbiegung“ der Andere. „Alles wird sich ändern“ sprach der Nächste und „So kann es ja nicht weitergehen“ der Übernächste. Aber dann sprach einer von „der Zeit vor Corona“ … also in Englisch … „Before Corona“ … kurz also „BC“ … so wie „Before Christ“.

Ha! Steckt also doch eine dicke Verschwörung dahinter! Und British Columbia hängt auch mit drin, und der Landkreis Biberach und die BBC sowieso.

Grüße aus Berlin

T.

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90) Corona-Lektionen 12

Es wird Frühling. Draußen zumindest. Berlin erwartet Top-Wetter, eine Woche mit Sonne und 20°C liegen vor uns. Da kann man mal schön raus und … ach nee. Nix da. Raus kannst’e gehen, aber nur unter Beachtung so vieler Regeln, dass ich die beim Schuhebinden schon wieder vergessen habe. Also nutze ich die Zeit für ein paar Beobachtungen vom Wochenende.

Newsletter: Wer mir nicht alles dieser Tage die Mailbox vollmüllt, nur um mir zu sagen, dass er für mich in dieser schwierigen Situation da ist. Fluggesellschaften, A.T.U. und andere Dienstleister … besonders die, die aktuell gar keinen Service erbringen. Trotzdem aber für mich da sind. Auch die Sparkasse schreibt mir einen Liebesbrief und sagt, dass sie geschlossen hat, aber die Automaten weiterhin für mich da sind. Wenn im Raum nicht gerade drei Obdachlose aus dem Schlaf erwachen.

Video: Ich arbeite schon immer viel im Home-Office und kommuniziere viel virtuell. Allerdings habe ich mich immer gegen Video gesträubt, wenn es nicht unbedingt sein musste. Klar, die Kommunikation mit anderen Erdteilen, kann durch Video verbessert werden. Aber ich will nicht die verramschte Küche einer Deutschen Kollegin sehen, nicht das chaotische Bücherregal eines Hauptstadt-Korrespondenten oder die zerwühlten Sofa-Kissen des Chefs. Richtig ätzend finde ich, wenn noch ein Stück Lifestyle im Hintergrund drapiert wird. Ein Rennrad zum Beispiel. Oder ein Golf-Bag. Macht das Video aus Leute! Das frisst nur Aufmerksamkeit, Bandbreite und Strom.

Werbung: Bleibt man im TV aus Versehen in einem Werbeblock hängen, wird man schnell stutzig und will am liebsten die Corona-Denunzianten-Hotline anrufen. Was machen die denn da? Die grillen zu zehnt im Park, sitzen in der Bar und kippen sich Bier oder Mai Tai hinter die Binde und jubeln in der Süd-Kurve, weil der Verein zum 1:1 ausgeglichen hat. Das darf man nicht! Die Werbung scheint der Entwicklung noch ganz schon hinterher zu sein. Gestern Abend ist mir eine Pizza-Werbung aufgefallen, bei der Hasi eine TK-Pizza aus dem Ofen holt und seiner Schnucki per Video zuprostet.

Hey, mach‘ das Video aus!

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89) Corona-Lektionen 11

Die dritte Woche im Family-Home-Office ist überstanden. Keiner hat die Koffer gepackt und ist ausgezogen, keiner wurde vor die Tür gesetzt. Gut so. Es ist Samstag-Nachmittag. Ich habe etwas Zeit, um ein paar Gedanken aus der vergangenen Woche loszuwerden.

Netz: Da ich auch schon vor Corona meistens zu Hause gearbeitet habe, hat sich für meine Arbeit nicht viel verändert. Einziger Unterschied ist nun, das jetzt vier Leute Zugang zum Netz brauchen. Das brachte DSL-Modem und Router zum Ende der Woche an den Rand eines Kreislauf-Kollapses, beide mussten wiederholt reanimiert werden. Sie leben wieder. Ich mag mir nicht vorstellen, wie das dieser Tage ohne Netz gehen sollte.

Last: Eigentlich bin ja froh, zu Hause arbeiten zu können. Das stiftet Sinn und sorgt für Ablenkung. Ohne Arbeit zu Hause herumsitzen zu müssen, wäre für mich der Horror. Leider ist im Job überhaupt keine Verlangsamung zu spüren. Ganz im Gegenteil. Das Geschäft brummt und die Überstunden stapeln sich. Hinzu kommen nun neue Neben-Jobs für uns. Lehramt, Putzamt und Beschaffungsamt. Aber ich will nicht klagen. Menschen die aktuell in volle Kurzarbeit geschickt werden, haben auf einmal Freizeit, die sie eigentlich gar nicht wollten und dafür bezahlen sie auch noch mit Verdienstausfällen.

Luft: Der Sohnemann sagte neulich beim Verlassen der Höhle, dass es nach „Bauernhof“ rieche. Und da hatte er recht. Mehrmals ist mir dieser Tage die frische Landluft aufgefallen, die durch den Prenzlauer Berg weht. Sind es die reduzierten Abgase, Landwinde von Norden oder holt sich die Natur bereits die Stadt zurück? Sieht’s bei uns bald aus wie in Angkor Wat? Wachsen bald gigantische Wurzeln durchs Wohnzimmer?

Damals: Heute bin ich mal über die Konto-und Visa-Karten-Bewegungen der letzten zwei Monate geflogen, nur um zu schauen, dass da alles seine Richtigkeit hat. Die Positionen lesen sich wie ein Buch aus fast vergessenen Zeiten. Unvorstellbar. Kino-Besuch, Burger-Restaurant in Bukarest, Bierchen am Flughafen München, Öl-Wechsel, Putz-Frau … lange her.

Grüße aus Berlin, und behaltet die Nerven

T.

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88) Corona-Lektionen 10

Aktuell denken viele Menschen darüber nach, was wir denn positives aus der Corona-Krise mitnehmen, wenn der Spuk mal ein Ende hat. Ich auch. Auch hier auf‘m Blog. Flexibilisierung zwischen Büro und Home-Office? Weniger Verkehr? Weniger Luftverschmutzung? Mehr Home-Schooling? Klingt erst einmal vielversprechend. ABER… 

Aber, ich will auch mal anders zu fragen. Zum Beispiel welche schlechten Gewohnheiten gerade jeden Tag intensiv gelernt werden, die irgendwann wieder abtrainiert werden müssen?

  • Dürfen Kinder aktuell mehr zu Smart-Phone und Tablet greifen, weil es ja eine Krise ist? Eine „Ausnahme“? Gehören Facetime und Whats-App mit den Schulfreunden von nun an zum abendlichen Standard-Repertoire? Lassen wir die Kids morgens länger schlafen, Hauptsache wir können bereits ein paar dienstliche e-Mails und Chat-Nachrichten checken bevor der Tag beginnt?
  • Bleiben Menschen, die eigentlich dringend außerhäuslichen Umgang bräuchten, nun gezwungenermaßen zu Hause? Auch wenn sie gewalttätige Partner oder Eltern haben? Vielleicht depressiv sind, einer Sucht folgen oder 30 Kilo zuviel auf den Rippen haben? Wie kommen die da wieder raus?
  • Gehen sich heute Menschen großräumig und misstrauisch aus dem Weg? Menschen im Super-Markt, die irgendwie nach Corona „aussehen“? Oder auch Omma und Oppa, um sie nicht zu gefährden? Haben wir letzteren seit Tagen nicht mal mehr die Hand gegeben, geschweige denn umarmt? Bleibt das jetzt immer so, müssen wir in ein paar Wochen alle zum Kuschel-Seminar gehen?
  • Bleibt man zu Ostern im heimischen Vorgarten … wenn man einen hat? Zum Mai-Fest, Himmelfahrt und Muttertag auch? Wird Balkonien das neue Reise-Zeil, weil wir uns nicht mehr nach Asien, in die Toskana oder an die Costa del Sol trauen? Gibt es nun für immer Grillwurst statt Phad Thai, Paealla oder Tiramisu? Haben wir hier bald einen neuen Flughafen, aber nichts fliegt mehr ab von dort?
  • Und steckt hinter all dem nicht eigentlich eine Intrige, eine böse Macht? Eine Verschwörung? Vielleicht die Regierung. Und ist das alles nur aufgebauscht, um das blöde Wahl-Vieh abzuschröpfen und um von den eigentlichen Problemen abzulenken? Wer so denkt, sollte dringend an die frische Luft gehen und sich schon mal einen Termin beim Oberstübchen-Doktor besorgen, bevor es da bald keine Termine mehr gibt.

Tja, mal sehen, wer weiß das aktuell. Aber eines ist doch klar, es liegt wohl an uns, was wir draus machen.

In diesem Sinne, Viele Grüße

T.

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87) Corona-Lektionen 9

Die zweite Family-Home-Office ist überstanden. Wir richten uns darauf ein, dass sich daran in den nächsten Wochen wenig ändern wird. War das Wetter gestern noch mega, ist es heute kalt und lausig. Zeit für ein paar Gedanken auf‘m Blog.

Absagen: Neben Arbeit, Schule und Familien-Alltag beschäftigen wir uns mit der Umplanung von Reisen, Ausflügen und Events, die eigentlich für die nächsten Monate geplant und gebucht sind. Allen Deutschen wird klar, dass diese Lichtblicke auf der Kippe stehen bzw. abgesagt oder verschoben werden. Konfirmation, Jugendweihe, Hochzeit, Großer Geburtstag der Omma, Sommer-Urlaub? Fraglich. Schlechte Nachrichten müssen übermittelt werden, Nachrichten die enttäuschen und für Frust sorgen. Aber so ist das jetzt nun mal und Klarheit ist mir lieber als die stete Ungewissheit.

Stille: Die Stadt ist leiser geworden. Weniger Autos, Trams und Busse, kein Kommen und Gehen vor den Schulen, gesperrte Spielplätze, keine Triller-Pfeife die vom Fußballplatz zu hören ist. Am Wochenende waren wir im Süd-Osten von Berlin. Da wo sonst Flugzeuge ihre Runden drehen, herrschte Stille. Nur ein Flugzeug habe ich wahrgenommen. In fünf Stunden. Auch bei meiner Textil-Reinigung. Stille. Fünf Kunden in der ganzen Woche. Nicht gut.

Abstand: Wir alle lernen nun das „Abstandhalten“. Ich laufe/jogge immer äußerst rechts, in der Annahme, dass andere Menschen das auf ihrer Seite auch so tun. Tun sie aber nicht. So manch Egoist glaubt, die damit geschaffene Gasse sei nur für ihn freigehalten. Manch lauffauler Jogger (ist das nicht schon ein Widerspruch in sich?), wählt die kürzeste Strecke und kommt mir gefährlich nahe. Beim Heranfahren an die Rote Ampel fiel mir gestern auf, dass ich überviel Abstand zum Vordermann ließ. Gut für die Verkehrssicherheit, aber auch schon der erste leichte Dachschaden vermutlich.

Handy-Ortung: In der Presse nehme ich immer mehr Diskussionen zur Handy-Ortung im Corona-Zusammenhang war und meine inneren Alarm-Glocken beginnen zu Leuten. Ein Szenario spricht von freiwilligem Download einer App, wenn man positiv auf den neuen Corona-Virus getestet wurde, um andere Menschen auf Abstand zu bringen. Krassere Szenarien drehen sich um das gezielte Aufspüren von Menschen in „unerlaubten“ Gruppenkonstellationen und von verdächtigen Gängen zur Apotheke. Bei all dem Verständnis für das Bestreben, die Kurve flach zu halten, sträubt sich mein Inneres dagegen und ich fühle starken Widerstand. Das gab es bislang nur in Science Fiction Romanen oder in der Realität östlicher Weltmächte. Siehe Stichwort „Freiheit“ im vorigen Beitrag.

Schöne Woche!

T.

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86) Corona-Lektionen 8

So wie es aussieht, müssen sich die Menschen nun weltweit mit der neuen Situation arrangieren. Großbritanniens Regierung zog nach und verhängte ähnliche Beschränkungen wie „Mainland Europe“. Noch krasser in Indien.

Ausgangsverbot für 1,4 Milliarden Menschen. Wie will man in Indien jemandem aus dem Weg gehen? Kollegen dort sagen, Straßen sind gesperrt mit Barrikaden und Polizei. Aber wie wollen sie das in den Slums durchsetzen? Noch ist März, aber es wird wärmer. Schlecht fürs Virus, aber auch schlecht für Quarantäne. Fragen über Fragen.

Aber die fliegen auch mir durch den Kopf, große wie kleine, jeweils eine…

Künftige Herausforderungen: Vor „einiger Zeit“ war es noch die Digitalisierung, die uns beschäftig hat. Roboter nehmen uns die Jobs weg, sehr platt zusammengefasst und Stammtisch-mäßig verkürzt. Die Digitalisierung stand schon immer im Aufmerksamkeitskampf mit dem Klima-Wandel. Man kann trefflich spekulieren, was dramatischer ist. Wenn man die Luft nicht mehr atmen kann oder wir absaufen oder vertrocknen. Aber dann brauchen wir auch keine Roboter mehr, oder? Oder vielleicht erst recht? Und nun kommt noch eine Pandemie hinzu. Auch wenn die Pandemie für eine unmittelbare Verbesserung der Luftwerte sorgt, kann man sich ja fragen, ob man die im worst-case-scenario überhaupt noch braucht, wenn die Leute eh durch eine Maske atmen. Ist es wichtiger die Umwelt sauber zu halten oder gegen Viren zu kämpfen. Muss man über selbstfahrende Busse nachdenken, wenn kaum noch einer Bus fährt? Oder muss jetzt erst recht drüber nachdenken, damit Busfahrer nicht täglich Viren ausgesetzt werden. Dann sind sie zwar vor Viren geschützt, aber arbeitslos. Puhh. Blöde Vergleiche und sehr polarisierend, ich weiß. Sollen sie aber auch sein! Kann man mal drüber nachdenken.

Wortschatz: Es ist zwar erst März, aber die Liste der Wortvorschläge für das Wort des Jahres wächst bereits kräftig an. Kontakt-Verbote, Ausgangssperre, Schließ-Befehl, Corona-bedingte Einschränkung bei der S-Bahn, Corona-Party, Social Distancing, Systemrelevanz … usw. Habt ihr noch andere Vorschläge?

Grüße aus der Hauptstadt

T.

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85) Corona-Lektionen 7

Seit gestern Abend ist es nun amtlich. Kontakt-Verbote für Gruppen größer zwei Personen. Harter Einschnitt, aber immerhin haben wir nun Klarheit, was wiederum hoffentlich für mehr Ruhe sorgt. In Mexico verbietet man gerade Veranstaltungen über 50 und das Küsschen zur Begrüßung.

Ich bin froh, dass wir immerhin noch hinaus gehen dürfen. Und das führt mich bereits zu Punkt 1 der heutigen Corona-Lektionen.

Freiheit: Das Wort Freiheit sagt und singt sich so leicht daher. Manch einer denkt an die Freiheit der Gedanken, ein anderer an einen Ausritt durch die Rocky Mountains. Mit der Corona-Krise haben nun alle Deutschen die Gelegenheit zu spüren, was es heißt, wenn Bewegung und Versammlung mehr und mehr eingeschränkt werden und die Medien von einem zentralen Thema beherrscht werden. Das Gefühl, dass jeden Tag ein „Recht“ abhandenkommt, kann mir schon den Kragen eng werden lassen. Ich weiß, es ist nötig, es muss sein fürs „Große und Ganze“, aber ähnliche Dinge passierten in niedergegangen Systemen und sind in so manchen Autokratien an der Tagesordnung.

Zeitgefühl: Das Gefühl für Zeit hat sich verändert würde ich sagen. Die letzten Wochen … (oder waren es nicht eigentlich eher wenige Tage … ?) fühlen sich sehr „lang“ an. Scrolle ich im Kalender rückwärts, sehe ich aber, dass ich Ende Februar noch in Bukarest war und am 10./11.03. in München. Mit dem Flugzeug! Am 13.03. wurde die Schul-Schließung verkündet und trat dann am 16.03. in Kraft. Das war gerade mal vor sieben Tagen. In den letzten, nicht einmal vier Wochen haben Hamster gelernt, Klo-Papier zu benutzen und backen nun ihr eigenes Brot. Jeden Tag wurden neue Maßnahmen verkündet, Absagen und Schließungen. Nicht umsonst fühlt man sich wie im Film dieser Tage. In mehreren Filmen. Wie beim Zappen.

Richtig/Falsch: Und auch im Alltag gibt es neue interessante Wendungen. War Deutschland bislang eine Kartenzahlungs-Wüste, akzeptieren manche Läden nun nur noch die Plastik-Karte. Die Türen der Tram gehen nun endlich alle von allein auf, ohne den Knopf drücken zu müssen. Habe ich sonst auf die Kids eingeredet, sie sollen wegen dem Hundedreck nicht zu dicht an der Häuserwand laufen, halten die mich für bekloppt, weil ich sie nun um genau das bitte. 😉

Verrückte Zeit.

Grüße aus Berlin!

T.

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84) Corona-Lektionen 6

Spätestens beim täglichen Erwachen zeigt sich, dass wir noch lange nicht in der neuen Realität angekommen sind. Mein Oberstübchen ist mächtig durcheinander geraten dieser Tage. Also schreib ich was hier auf‘m Blog, um mich zu sortieren.

Realitäten 1: Habe ich das mit dem Virus nur geträumt? Mit dieser inneren Frage gleich nach dem Erwachen, verbindet sich eine kleine Hoffnung, aber sie zerplatzt schnell wieder. Nee, das war kein Traum. Auch kein Spielfilm gestern Abend. Das ist jetzt echt so. Für Wochen. Oder länger? Was war nun noch mal die zuletzt kommunizierte Maßnahme in den Nachrichten? Dürfen wir noch raus? Oder nicht? Und zu welchem Zweck? Kann bitte endlich jemand vor die Kameras treten und die Aktion als „Globale Katastrophen-Schutzübung“ erklären und damit beenden? Lassen die uns noch bis zum 1. April in dem Glauben und rufen dann „April, April“?

Lagebestimmung: Habe ich „früher“ nach dem Aufstehen relativ bald Wettervorhersage und Regen-Radar gecheckt, kommt nun die Welt-Karte mit den roten, größer werdenden Kreisen dazu. Links daneben stehen die Länder sortiert nach Fallzahlen. Was in guten Zeiten aussieht wie ein Olympia-Medaillen-Spiegel oder die Ergebnisse vom Eurovision Song Contest, macht den morgendlichen Kaffee schwer genießbar.

Realitäten 2: Und weil eh alles durcheinander ist, sind meine Antennen für Realitäten und Wahrheiten hyper-empfindlich. Am Freitag erreichte uns eine täuschend echt aussehende Verkündigung der Berliner Behörden und erklärte die Ausgangssperre. Fake News, wie sich später herausstellte. In der Berliner Zeitung überfliege ich einen Artikel und traue meinen Augen nicht: Da steht doch wirklich „… die der Berliner Senat vom Corona-Schließbefehl ausgenommen hat …“. Welcher Chefredakteur lässt so etwas durchgehen? Hat man es mit den Augen und lässt mal eben das „L“ in der Mitte weg, kriegt man sofort einen Fieber-Schub. Bei den Radio-Nachrichten um 10:30 Uhr läuft im Hintergrund Musik. Der Sprecher scheint verwirrt. Sind das Frequenz-Überlagerungen oder spielt dessen Kind an der heimischen Stereo-Anlage, während Papa aus dem Home-Office die Nachrichten verliest?

Klatschen: Nicht nur Italien klatscht am Abend für die Helfer und fleißigen Mitarbeiter, die dafür sorgen, dass der Laden hier noch halbwegs rund läuft. In Deutschland beginnt diese Bewegung nun auch und wird sich vermutlich bald zum Ritual etablieren. Eine nette, friedliche Aktion. Jeder kann sich überlegen, ob er klatscht oder nicht. Wenn ich mir aber vorstelle, dass irgendwelche Voll-Honks tagsüber Kassiererinnen anpöbeln und sich abends eine Minute von ihrer Schuld „freiklatschen“ wird mir kotzübel.

Schönen Sonntag an die Leserschaft und einen guten Wochenstart morgen!

T.

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