383) Klebegeister

Folgt man der echauffierten Diskussion um die Prima-Kleber, könnte man meinen, wir befinden uns im Sommerloch oder im Kindergarten.

Natürlich kann man über die Form des Protestes diskutieren und wenn man in einem solchen Stau steht, ist das in dem Moment vielleicht nicht lustig. Aber es wird ja so getan, als gäbe es sonst überhaupt keinen Stau in der Stadt und als würde hier nicht jeden Tag für oder gegen etwas demonstriert. Und wenn eine Feuerwehr einer 4-Millionen-Stadt nicht in der Lage ist, einen Stau zu durchfahren, dann liegt das doch bitte an der inkompetenten Verkehrsführung oder an den Autofahrern, die zu blöd sind, eine Rettungsgasse zu bilden. Man will mir doch wohl nicht im Ernst erzählen, dass eine handvoll Klima-Aktivisten, die an einer Brücke hängen, die Bundeshauptstadt lahmlegen! Da muss ich mir ja echt Sorgen um mein Leib und Wohl machen.

Jetzt wo Berlins Polizeipräsidentin angeblich eine „extreme zusätzliche Arbeitsbelastung“ durch die Klebeproteste beklagt, dann sollten wir besser wegziehen. Denn es steht schlecht um die Hauptstadt der Jammerlappen. Hier braucht man 14 Jahre um einen Flughafen zu bauen, man kann nicht mal eine Bundestagswahl ordentlich durchführen und dann ist man ist solchen Klebegeistern hilflos ausgeliefert und kriegt das große Heulen.

Wenn neben B.Z., BILD & Co dann noch öffentlich-rechtliche Medien solch einen Stuss zitieren und das Geschehen noch anheizen, ist das sicher nicht hilfreich

https://www.rbb24.de/panorama/beitrag/2022/11/berlin-polizei-polizeipraesidentin-klimaproteste-mehrarbeit.html

Besetzt Greenpeace in der Nordsee ein Ölplattform, dann finden wir das großartig, wenn sich aber Menschen dem Berliner Autoverkehr entgegensetzen, dann kriegen die Leute in den Autos einen Tobsuchtsanfall, auch wenn vermutlich zwei Drittel der Fahrer/innen echt nicht auf‘s Auto angewiesen wären.

Und dann kann sich sogar halb Deutschland drüber aufregen, egal ob es vor Ort überhaupt eine nennenswerte Kreuzung oder Brücke, geschweige denn ein Gemälde gibt. Dann quasselt man von Gewalt, von Nötigung, gar von Terror. Ich geh‘ kaputt.

Also wenn sich der deutsche Angstbürger da schon in die Hosen macht, dann will ich mir gar nicht ausmalen was passiert, wenn es hier mal zu ernsthaften Klima-oder Energiebedingten Ausfällen in der Infrastruktur kommt.

Wie sollen wir als Gesellschaft, all die dicken Bretter bohren, die da vor uns liegen, wenn uns so etwas schon an den Rand der Verzweiflung bringt. Den Deutschen muss man gar nicht dem Gashahn oder Atomkrieg drohen, es reicht schon, wenn sich ein paar Typen auf der Straße festkleben und wir machen uns selbst fertig.

Ich bin entsetzt … und enttäuscht.

Die Jungs von „Lage der Nation“ haben das in Folge 311 ab Minute 1:11:30 mal juristisch auseinandergenommen. Hörenswert!

https://lagedernation.org/podcast/ldn311-lindner-zu-tempolimit-bereit-interview-hoffnung-bei-us-midterms-wirtschaftsweise-fordern-steuererhoehungen-rechtslage-klima-blockaden-300-mio-verpulvern-fuer-konnektoren-synopsen-auf-bu/

292) Stop War – Vol 2

Irgendwie habe ich das Gefühl, hier könnten wohl noch weitere Beiträge mit diesem Titel folgen. Leider. Ich wünschte, es wäre anders. Hier zunächst ein Kunstwerk, welches Kids aus der Nachbarschaft an die Tür des Supermarkts um die Ecke geklebt haben.

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Und nun noch ein paar Impressionen, von der zweiten Groß-Demo heute in Berlin. Treffpunkt war Alexanderplatz und dann ging es weiter über Leipziger Straße in Richtung West, via Brandenburger Tor und Straße des 17. Juni bis zum Großen Stern mit Bühne. 100.000 Teilnehmer waren angekündigt. Wieviel es letztlich waren, wird noch gezählt, ist aber eigentlich auch Wurscht.

Ob das den russischen Präsidenten beeindruckt? Vermutlich nicht, aber es tut gut, so viele Menschen zu sehen, die das alles nicht wollen.

285) Stop War

Grüsse von der Straße des 17. Juni in Berlin !

Circa 20.000 Teilnehmer hat der Veranstalter angekündigt. Ziel klar überfüllt. Proppenvoll hier. Offiziell 100.000 Menschen, ich würde etwas mehr schätzen, ist aber letztlich auch Wurscht. Hauptsache viele Menschen zeigen ihren Unmut, über das was in der Ukraine gerade abgeht.

274) Corona-Lektionen 111

Da war meine kleine Privat-Bloggerei hier gerade mal sechs Tage virenfrei und schon gibt es wieder so viel Neues, was ich gern notieren möchte.

Ein paar Gedanken der letzten Tage:

Corona-Macke:
Steigen wir zunächst locker ein. Kennt ihr das? Ihr geht mit einem Auge an einem Schriftzug vorbei und euer Auge liest im Vorbeigehen etwas, was da gar nicht geschrieben steht? So ging es mir kürzlich. Auf einem Transporter stand „Colonia Umzüge“, auf einem Desinfektionsspender stand „Ulticom“. Ihr könnt euch sicher gut vorstellen, was ich in dem Moment gelesen habe. Ich habe eine Corona-Macke, keine Frage.

Demonstration:
Gestern, Montag, war ich auf einer Demo. Es war eigentlich keine Anti-Demo zur Anti-Anti-Corona-Maßnahmen-Demo, sondern eine Demo „pro“ Demokratie. An einem geschichtsträchtigen Ort in der Nähe, an dem vor über 30 Jahren Menschen friedlich gegen das DDR-Regime demonstriert haben und der nun zum wiederholten Male von herumwandelnden Frischluft-Fanatikern instrumentalisiert wird. Es ging darum klarzustellen, dass wir in einer Demokratie leben und es sollte auch ein Zeichen gegen dieses „Wir-sind-auf-dem-Weg-in-eine-Diktatur“-Gejammer gesetzt werden. Das war mal eine interessante Erfahrung. Mein Demo-Gefährte und ich standen also bei den FFP2-maskierten Demonstranten auf der einen Straßenseite, ein paar „nichtangemeldete“ Bürger ohne Mund-Nasen-Textil auf der anderen Seite der schmalen Straße. Bis auf ein paar überflüssige Kommentare und einem plötzlich auftretenden Leierkastenmann, der die Stimme „unseres“ Sprechers übertönte, lief das aber recht ordentlich ab. Als das zeitliche Ende unserer Demo erreicht war, ergriff auf der anderen Straßenseite jemand ein Megaphon und erinnerte die Polizei daran, dass unsere Demonstrationszeit nun beendet sei und wir damit in einem nicht legalen Umfeld unterwegs wären und übrigens die Abstände bei „uns“ nicht eingehalten würden. Mhm. Na ja. Ein bisschen albern irgendwie, aber gut. Recht ist Recht und Pflicht ist Pflicht, wir lösten uns auf.

Noch ein Hinweis: Die Berliner Polizei veröffentlicht >alle angemeldeten Demonstrationen online. Die Menge der täglichen Veranstaltungen finde ich schon sehr beachtlich. Da soll mal keiner jammern, jeder kann hier gegen/für alles Mögliche demonstrieren, jeder kann sich irgendwo einreihen.

Wortwahl:
Gestern hieß es in den Abend-Nachrichten, dass von Corona genesene Menschen ihren „2G- Status“ eher verlieren könnten, als bisher angenommen. Jetzt will ich das gar nicht virologisch kommentieren, aber die Wortwahl ist schon etwas bizarr. „2G-Status“. Klingt so als wäre es der Silberstatus einer Luftlinie, der einem Zugang zu elitären Kreisen ermöglicht, da gibt’s dann Schnittchen, Prio- Boarding und einen schicken Koffer-Anhänger, während der Pöbel hinten in der Holzklasse sitz. Solche Formulierung sollte man vielleicht bei der aktuellen angespannten Lage überdenken. Das ist nicht zielführend.

Schule:
Gestern Abend dann der Knaller. Über Nacht wurde in Berlin die Präsenzpflicht an den Schulen ausgesetzt. Eltern sind überrascht, Lehrer noch mehr. Wissentlich, dass Berlin in vier Tagen in die Ferien geht, muss doch dieses Chaos nun echt nicht sein und wieder gehen vier Unterrichtstage verloren. Denn Eltern können nun selber entscheiden, ob die Kinder zur Schule gehen und an welchen Tagen. Jeden Tag aufs Neue. Die Lehrkräfte können überhaupt nicht planen und man kann raten, wie das ausgeht. Ich wage mal ein paar Prognosen

A) Kinder gehen in die Schule, weil sie einen Sinn drin sehen oder die Eltern hinterher sind

B) Kinder entscheiden sich für Netflix-und Playstation-Unterricht, weil es den Eltern Wurscht ist

C) Kinder sind schon längst mit ihren Eltern über alle Berge und warten am Ski-Lift.

Kapier‘ ich nicht.

Nachtrag 18:40 Uhr: Es ist wohl so, dass die Eltern bis Freitag entscheiden sollen, ob das Kind bis Ende Februar in die Schule geht oder nicht. Also etwas mehr planbar für die Schule durchaus, aber nicht unbedingt besser, weil nicht online unterrichtet wird, sondern nur Aufgaben über anwesende Mitschüler verteilt werden.

Bei der Gelegenheit möchte ich noch mal auf den Beitrag >269) Digitales Lernen 1 – Eine Bestandsaufnahme verweisen

<— Corona-Lektionen 110

–> Corona-Lektionen 112

273) Corona-Lektionen 110

Eigentlich wollte ich heute zu einem ganz anderen Thema schreiben, aber der/die/das Virus und seine bucklige Variantenschaft hat sich in meinem Back(b)log wieder nach oben gearbeitet und fordert eine weitere Ausgabe meiner Corona-Postille.

Aber der Reihe nach und zu Beginn erst einmal ein Aperitif:

Essen gehen
Ich war beim Chinesen. Vielleicht nicht hyper-vernünftig, aber musste mal sein. An der Tür zum Restaurant begrüßte uns die Service-Kraft mit dem Satz: „Guten Tag, 3G oder 2G+ ?“ Die Frage überforderte mich total, ich wusste gar nicht, dass ich da eine Wahl habe. Mir tanzte eine spontane Antwort auf der Zunge: „Eher 45.B. Aber mit Nudeln und Chili-Booster, bitte“.

Den Joke habe ich dann aber doch nicht gebracht. Sie hätte den vermutlich nicht verstanden. Aber nun zum Ernst.

Inzidenz
Steigt enorm, kann man überall nachlesen. Berlin ist nun über 1000-er Inzidenz. Das ist wohl diese vielbesprochene Omikron-Wand, vor der wir nun stehen. Und da ist längst noch nicht alles erfasst.

In >Corona Lektion 109 erwähnte ich den Stadtbezirk Marzahn Hellersdorf, der am 12.01. eine paradiesische Inzidenz von ca. 300 meldete. Ich hatte schon überlegt, dorthin zu ziehen. Die Erklärung fand ich kurz darauf in der Berliner Morgenpost vom 15.01. mit folgendem Zitat:

„Die zu Beginn der Pandemie als Grundlage des bezirklichen Erfassungssystem gewählte und nach damaligem Stand großzügig bemessene Datenbank hatte durch die stark steigenden Fallzahlen und damit auch exponentiell anwachsenden Datenbestände ein bestehendes Limit erreicht.“

Aha. Und das man merkt man dann so per Zufall? Kapiere ich nicht.

Am Freitag lag der Wert bei 140 und fiel dann bis Sonntag auf 0. Pandemie beendet. Kein Infektionsgeschehen. Großartig. Grund zum Feiern. Seit gestern Dienstag scheint die Datenbank wieder online zu sein, die Inzidenz lag immerhin bei 30, heute bei 100. Vermutlich werden nun einige Daten nachzuerfassen sein, was in den nächsten Tagen „beeindruckende“ Effekte im Diagramm erzeugt. Wenn es noch ausreichend Mitarbeiter gibt, die das auch tun können.

Infrastruktur
Ich finde es komplett nachvollziehbar, dass Quarantäne-Zeiten verkürzt wurden, denn bei den aktuellen Zahlen, ist das eine Frage der Zeit, bis sich das Geschehen aufs normale Leben auswirkt. Wenn ich lese, dass das Busangebot in Berlin bereits ausgedünnt wird. Wenn ich immer noch all die Weihnachtsbäume herumliegen sehe, die grün blinken und stinken, weil unter ihnen Elektro-Roller und Hundescheiße begraben sind. Wenn ich sehe, wie schleppend Müll-/Glastonnen abgeholt werden, dann mag ich mir nicht vorstellen, was das noch für andere Berufe heißen kann, die auch auf engem Raum arbeiten. Ich meine keine Handballer, sondern so etwas wie Lehrkräfte, Feuerwehrleute, Sanitäter oder Polizei.

Gar nicht gut.

Vielleicht ist das auch das Kalkül der sogenannten „Spaziergänger“? Chaos in deren Kopf und Chaos in der Stadt?

„Spaziergänger“
Ich kriege das kalte Kotzen, wenn ich sehe, wie die sich an Ritualen, Orten und Sprüchen der friedlichen Revolution 1989 vergreifen, während sie heute durch die Straßen ziehen. Die Demonstranten damals mussten entgegen geltender Rechtsprechung auf die Straße gehen, weil es überhaupt kein Demonstrationsrecht gab, und das Risiko war sehr hoch, dafür in den Knast zu wandern. Heute gibt es ein Demonstrationsrecht, jeder kann eine Demo anmelden und bekommt dabei sogar noch Polizeischutz vom Steuerzahler dazu. Und diese Typen ziehen nun Montags zur Gethsemanekirche und fordern Freiheit? Widerlich.

Aber es bilden sich Gegenproteste.

Sehr gut.

<— Corona-Lektionen 109

—> Corona-Lektionen 111

272) Corona-Lektionen 109

Omikron ist angekommen und macht sich breit. Ein Premierminister stolpert hoffentlich bald über seine Lockdown-Partys, ein Tennis-Star fliegt ungeimpft zu den Kängurus und hält sich für was ganz Besonderes. Und ich habe bald meine zwei Jahre Dauer-Höhlenoffice voll. Eine kleine Jubiläumsfeier? Na besser nicht, das fällt mir später sonst mal auf die Füße.

Ein paar Gedanken der letzten Tage:

Inzidenz
Steigt. Selbst in unserem schnuffigen Lastenfahrrad-Macchiato-Stadtbezirk, in den statistisch auch das grüne Pankow am Rande der Stadt einfließt, knacken wir bald die 1000. Schaut man sich die Corona-Karte von Berlin an, müsste man eigentlich nach Marzahn-Hellersdorf ziehen. Die dortige Inzidenz von 63 klingt echt paradiesisch. Oder auch nicht. Denn das heißt entweder, dass es dort keine netten Kneipen, Kinos und Restaurants gibt oder eine fette Datenpanne.

Impfen
Zäh. Die Impfpflicht entwickelt sich zum Rohrkrepierer, weil der Bundestag wegen Karneval und anderen Terminen nicht zusammenkommen kann. What? Also wenn sie das Thema nicht angehen wollen, dann sollen sie es sagen, aber so herumzueiern und nach Ausreden suchen ist nun wirklich etwas albern. Während sich die meisten Menschen selber um einen Termin zum Boostern „bemühen“ oder gute Gründe haben, es nicht zu tun, wandeln manch andere ziellos durch die Straßen.

„Spaziergänge“
Schwierig. Einerseits kriegen die „Spaziergänger“ schon viel zu viel Aufmerksamkeit und dann denke ich, sollen sie doch durch die Straßen ziehen, was soll man auch sonst tun, wenn man nicht mehr ins Kino oder Fitnessstudio darf. Andererseits sind diese Zusammenkünfte ohne Mund-Nasen-Schmuck doppelt gesetzeswidrig, da 1. nicht angemeldet und 2. gegen Infektionsschutzbestimmungen. Klingt spießig, ist aber nun mal so. Und da frage ich mich schon, wie lange die Behörden zuschauen wollen. Wenn man sich erinnert, was die Polizei sonst so auffährt, wenn es ein besetztes Haus zu räumen gilt oder Linksautonome zum 1. Mai unterwegs sind, muss hier gehandelt werden.

Zukunft
Hoffnungsvoll. Hört man den Wissenschaftlern zu, könnte es da ein kleines Licht am Ende des Tunnels geben. Durch die vielfach höhere Ansteckungsfähigkeit aber geringere Gefährlichkeit von Omikron, könnte sich das Biest quasi selber trocken laufen und zu den Grippe-Viren gesellen. Bleibt nur zu hoffen, dass dieses Licht kein Zug ist, in dem noch mehr bucklige Variantenschaft der Corona-Sippe sitzt und an unserem Bahnhof aussteigen will. Mal sehen wie das alles weitergeht.

Diesen Beitrag möchte ich mal wieder mit dem Satz beenden, den ich hier am 13.03.2020 in >Corona-Lektion 1 zum ersten Mal hatte.

Passt auf euch auf und tragt zur Beruhigung der Lage bei!

Nachtrag 16.01.2022: Beim Lesen der Berliner Morgenpost vom Wochenende, löst sich das Rätsel um die niedrige Inzidenz in Marzahn-Hellersdorf auf.

Da wird auf Seite 15 wie folgt zitiert:

„Die zu Beginn der Pandemie als Grundlage des bezirklichen Erfassungssystem gewählte und nach damaligem Stand großzügig bemessene Datenbank hatte durch die stark steigenden Fallzahlen und damit auch exponentiell anwachsenden Datenbestände ein bestehendes Limit erreicht.“

<— Corona-Lektionen 108

–> Corona-Lektionen 110

268) Corona-Lektionen 108

Ja, richtig bemerkt. Das Titelbild zum heutigen Beitrag stammt nicht aus Berlin. Denn wir haben uns weggeschlichen, legal über die grüne Grenze gemacht. Quasi für die nächsten Tage von der Entwicklung daheim „abgespalten“. Mit dem Wort Abspalten, baue ich gleich die Brücke zum heutigen Schwerpunkt.

Spaltung

Ganz besonders im Corona-Kontext wird häufig von der zunehmenden Spaltung der Gesellschaft gesprochen und wenn man sich das Wort „Spaltung“ vor Augen führt, da denkt man dann ganz schnell an zwei Hälften. „Die“ und „Wir“ oder „Dafür“ und „Dagegen“. Aber um so länger die Pandemie dauert, um so mehr merken wir vermutlich, dass das eben nicht so einfach ist. Ich versuche es mal eine Ebene tiefer, wissentlich, dass das dann auch erst einmal nur wieder Schubladen sind, die natürlich auch wieder zu groß oder zu klein sein können.

  • Da gibt es sicher Menschen, die durch die Pandemie geliebte Menschen verloren haben, weil jemand an dem Virus erkrankt oder gar gestorben ist. Oder weil Beziehungen zerbrochen sind oder auf Eis liegen, da man sich aktuell nicht sehen kann oder zeitweise erst einmal nicht mehr sehen will. Nicht einfach.
  • Ganz bestimmt auch haben Menschen ihren Job verloren, vielleicht eine Ausbildung abbrechen oder fürs eigene Geschäft dann doch Insolvenz anmelden müssen. Ganze Berufszweige verschwanden und diese Menschen mussten sich beruflich komplett neu orientieren. Kein Zuckerschlecken.
  • Andere waren mit all der Ungewissheit und Einsamkeit in ihren Wohnungen „gefangen“ und mussten sich und ihre Kinder mit mangelnder Unterstützung durch schwierige Zeiten bringen. Ein Hochglanzbild von drei Kids, die gut gelaunt mit je einem Laptop im Küchentisch sitzen, während Mutti mit Headset auf dem Kopf lächelnd die Spaghetti kocht, käme wohl einem Schlag in deren Gesicht gleich.
  • Dann würde ich mal behaupten, dass ein großer Teil zwar von so mancher Maßnahme genervt ist, Veranstaltungen und gewisse Freiheiten vermisst und zum x-ten Mal eine Reise bucht, um sie dann letztlich doch wieder abzusagen, im Großen und Ganzen aber ohne große Schäden durch die Zeit kommt. Der Job läuft weiter, entweder mit Maske vor Ort oder eben mit Headset von zu Hause. 
  • Ich glaube ich liege aber auch nicht falsch, wenn ein gewisser Teil der Menschen sogar Vorzüge in der Zeit erkennen kann. Weniger Arbeitswege, keine Dienstreisen, weniger Dienstkleidung, mehr Freizeit, mehr Besinnung, mehr Literatur, mehr Kontrolle über den Tag, mehr Einfluss auf die Work Life Balance. 
  • Und ich wage mal die These, dass es auch unbekannte Nutznießer der Pandemie gibt. Weil sie bereits ein Geschäft hatten oder in der Pandemie gegründet haben, mit dem sie nun gut Geld verdienen können. Egal ob legal oder illegal. Sie erleben einen Flow und es klingelt in der Kasse.
  • Oder sie haben sich von der Entwicklung hier komplett abgekoppelt, hocken in irgendeinem Steuerparadies, lassen sich mit Personal auf Yachten vor die Küste schippern und machen dort einen drauf, weil der Emir an Land das nicht so gerne sieht. Eher eine Ausnahme vermutlich.

So, das waren jetzt gerade mal 7 Schubladen, sehr vereinfacht zusammengezimmert. Wahrscheinlich sind wir auch in mehreren Schubladen unterwegs oder ich habe sogar eine vergessen. Hab ich das? Ja, ich vermute schon. 

Denn ich habe noch nicht kapiert, warum Leute wieder protestierend durch Städte ziehen und Katz und Maus mit der Polizei spielen. Sind es die gleichen Menschen, die im Sommer 2020 mit Aluhut und Trillerpfeife auftauchten oder braut sich da was ganz anderes zusammen? Ich kenne niemanden da persönlich, aber mein Eindruck ist, dass es sich nicht wirklich um Gespräche geht, sondern eher um Frust, Wut und Verdruss. Da scheint es sich auch gar nicht mehr um den Virus zu drehen. Vielleicht eher um eine wiederholte Enttäuschung, eine Empfindlichkeit gegenüber Vorschriften, um Ängste die sich aus den Umwälzungen ergeben, die wir eigentlich noch vor uns haben. Digitalisierung, Energieerzeugung, Überalterung, Migration, Klimawandel … um nur mal fünf zu nennen.

Diese Herausforderungen sind alle hyperkomplex, keiner hat aktuell Antworten darauf, keiner weiß was da auf uns zukommen mag. So etwas mögen Menschen nun mal gar nicht. Also reiben sie sich an diesem blöden Virus auf, denn den scheinen sie verstanden zu haben und es gibt personifizierte „Schuldige“. Als gäbe es nichts anderes zu tun…

Hat jemand eine Antwort für mich? Dann bitte!

<— Corona-Lektionen 107

–> Corona-Lektionen 109

230) Ruf nach Freiheit – Teil 2

In meinem Beitrag > Ruf nach Freiheit, habe ich Beobachtungen entlang der Freiheits-Demo-Schnitzeljagd vom 29.08.2021 notiert. Der Beitrag endete etwas ratlos, mit vielen Fragezeichen. Also habe ich weiter drüber nachgedacht und mit anderen diskutiert.
Spoiler: Es gibt noch mehr Fragezeichen.

Also wer sind sie, was könnte sie antreiben, was ihr Motiv sein?

  • Leben sie vielleicht sonst in einer Kuschelweich-Comfort-Zone und müssen nun zum ersten Mal unangenehme Einschränkungen erleben? Sind sie deshalb so verunsichert und schreien „Diktatur“, wenn es darum geht ein Stück Zellulose vor der Futter-Luke zu tragen und eine Zeit lang mehr Spielregeln zu folgen als sonst?
  • Oder geht es ihnen wirklich so dreckig? Haben sie in den letzten Monaten erhebliche Nachteile erlitten? Wirtschaftlich, gesundheitlich, vielleicht jemanden verloren, der ihnen nahestand? Haben daraus einen Frust gegenüber der Regierung aufgebaut und wollen diesem nun lautstark Luft machen?
  • Haben sie selbst schon einmal ein diktatorisches System erlebt und wissen noch gut, wie das war? Halten sie sich dadurch für qualifiziert zu erkennen, dass wir angeblich schon wieder auf dem Weg in eine „Diktatur“ sind? Spüren sie einen Erfahrungsvorteil und meinen daher ganz besonders zu wissen, worüber sie reden?
  • Eventuell sind es aber auch Charaktere, die von Geburt an echte Freigeister waren, die es schon immer schwer hatten, sich in Regelwerke einzufügen? Aber wie stellen sie sich das vor, wenn hier jeder maximale Freiheit anstrebt? Oder würden sie dann „ganz unter sich“, ein neues gemeinsames Verständnis von Freiheit aushandeln? Und wären sie dann eigentlich wirklich „frei“?
  • Oder sind es Köpfe, die mit all ihrer Freiheit überfordert sind? Das Leben in Freiheit ist ja auch anstrengend. Es gibt so viele Entscheidungen, man muss sie für sich treffen und kann im Nachgang niemanden dafür verantwortlich machen. Aber wenn sie da nun „Freiheit“ fordern und irgendwelchen Rattenfängern folgen, wünschen sie vielleicht insgeheim jemanden, der ihnen diese Entscheidungen, also die Freiheit, wieder abnimmt?
  • Möglicherweise fühlen sie sich auch von Komplexität überrollt? Die Dinge um uns herum werden immer komplizierter und das kann intellektuell überfordern. Zusammenhänge zu verstehen oder sogar noch anderen zu erklären, ist echt nicht ohne. Suchen sie vielleicht einfachere Antworten? Ist es da leichter, aus Fakten Fake zu machen und andere zu überzeugen, dahinter steckten elitäre Strippenzieher, die uns allen etwas vormachen? Aber sie können das nicht nachweisen, denn dazu bräuchten sie wiederum Fakten, die sie weder haben noch akzeptieren. Also bleibt dann doch nur, auf den Staat zu schimpfen und laut nach „Freiheit“ zu rufen?

Und damit sind wir schon wieder beim Anfang des Beitrags.

<— Ruf nach Freiheit – Teil 1

225) Ruf nach Freiheit – Teil 1

Seit dem frühen Mittag kreisen Hubschrauber über unseren Dächern. Die Demonstrationen waren zwar nicht genehmigt, aber die „Gegen-Einfach-Alles-Gegner“ haben sich heute wieder unseren Stadtbezirk als Tummelplatz ausgesucht. Es ist ja auch ganz nett hier.

Hier spielen sie nun „Katz und Maus“, „Räuber und Gendarm“ oder „Freiheit und Diktatur“. Um die Mittagszeit war ich ca. 1 1/2 Stunden zu Fuß in meiner Hood unterwegs, um mir mal ein Bild von der Situation zu machen. 

Was ich beobachtet habe:

  1. An mehreren Stellen tauchten auf einmal Gruppen von Menschen auf. PopUp-Demonstranten sozusagen. Wenige Fahnen, Schilder oder Transparente, dafür viele Rücksäcke. Sie sahen aus wie Touristen, wie auf Wandertag, nicht von hier. Sie wirkten auf mich auch nicht wie not-leidende Kleinunternehmer, die am Rande ihrer Existenz ihrem Ärger Luft machen wollten.
  2. Sie folgten keiner festgelegten Strecke, sondern liefen im Zickzack-Kurs durch den Kiez, durch Grünanlagen, über Seitenstraßen, Höfe und Tram-Gleise.
  3. Diese Leute blockierten Kreuzungen, liefen in den laufenden Verkehr und zwangen somit die Autos zum Halt.
  4. Die Polizei begleitete die Demo nicht wie üblich vorn und hinten (wie denn auch … es gab ja gar keine klare Wegführung), stattdessen eilten sie mit Blaulicht hinterher und versuchten den Mob irgendwie zu lenken.
  5. Im erweiterten Radius habe ich Radfahrer, E-Roller-Fahrer gesehen, die die Lage auskundschafteten und per Handy an die Demonstranten weitergaben, wo es denn „freie“ Räume gab, die für sie zugänglich waren.

Aber ich will denen hier nicht soviel Aufmerksamkeit geben, außerdem könnt ihr das auch woanders mit mehr Fakten nachlesen.

Aber ich tue mich grundsätzlich schwer damit.

Die Stadt Berlin geht mit Demonstrationen wirklich sehr offen um. Jeder kann hier seinen Willen kundtun. Einfach Demo anmelden, Genehmigung abwarten, Strecke und Regeln folgen und unter Polizeischutz seine Meinung kundtun. Quasi, ein Paradies für Frischluft-und Demo-Fans. Wo gibt es schon so etwas? Nur diese Meute dort brüllt laut nach „Freiheit“ und „Grundrechten“ und meint, dass alleine reiche schon aus, um Polizei und Anwohner mit ihrer asymmetrischen Demo-Führung den ganzen Sonntag zu beschäftigen.

Was tun?

Die Demo war nicht genehmigt, also die Teilnehmer einfach auseinandertreiben? Wasserwerfer, Platzverweise, Ordnungsstrafen? Das wäre rein rechtlich vermutlich sogar gerechtfertigt, aber politisch schwer vorstellbar, denn das würde ihnen nur noch mehr Rückenwind geben. Sie würden noch lauter „Diktatur“ brüllen, obwohl sie sich nicht ans freiheitliche Prozedere gehalten haben.

Soll man sie einfach machen lassen? Diesen wenigen tausend Menschen einfach mal die Tür zum Bällebad öffnen. Ein paar Stunden austoben in der Hauptstadt, bevor es dann morgen wieder zurück geht in die öde Reihenhaussiedlung? Auch schwierig, denn dann macht hier bald jeder was er will und die Stadt wird zum Demo-Adventure-Land

Ich habe keine Antwort. Und noch viel weniger Verständnis. Denn da, wo ich großgeworden bin, gab es keine Demonstrationen, bei denen man laut über die Straße rufen konnte, was einen stört oder was künftig anders werden soll. Denn dann fand man sich ruckzuck in einem Gefängnis wieder und die ganze Familie hatte auf Jahre etwas davon. Und auch heute, müssen wir gar nicht lange suchen und wir werden Länder finden, wo das an der Tagesordnung ist.

Ich kenne keinen dieser Menschen, die da durch die Straßen kreuzen, kann also auch nur aus der Distanz urteilen. Vielleicht tue ich auch Unrecht und ziehe hier die Schublade der Polarisierung noch weiter auf, wenn ich behaupte: Das scheint mir ein Haufen verwöhnter Mitmenschen zu sein, die sonst nicht viel zu melden haben und nun endlich mal die Klappe aufkriegen. Tut mir leid, anders kann ich es mir nicht erklären. Konstruktive Gegenargumente könnt ihr gern in den Kommentaren absetzen.

Nun ist 18:00 Uhr, es beginnt wieder zu regnen, es wird ungemütlich. Die Hubschrauber, sie stehen nicht mehr am Himmel, sie drehen größere Kreise. „Sehr geehrte Gäste, das Gaga-Land schließt in wenigen Minuten“. Und die Schreihälse? Vermutlich sind die auf dem Heimweg … ab auf die heimische Telegram-Couch. Morgen ist wieder Alltag …

—>Ruf nach Freiheit – Teil 2

224) Corona-Lektionen 96

Die dritte Schulwoche nach den Sommerferien ist absolviert und ich habe tagsüber immer noch Hoheit übers heimische WLAN. Wer hätte das gedacht. Ich war sogar auf einer Elternversammlung. Ganz konventionell, im Klassenraum. Mit Kaffee-Filter vor dem Gesicht, konnte ich gute nachfühlen, wie es den Kids dort gehen muss. Auf die besorgte Frage einiger Eltern, was denn so der Plan für den Umgang mit einer möglichen vierten Welle wäre, folgte seitens Schule ein stammelndes … „ähhhm … na dann … machen wir über die Lernplattform weiter … wie bisher“. Wie bisher? Oh Graus.

Ein paar Gedanken der letzten Woche:

Mehr oder weniger G?
Kaum war „3G“ letzte Woche als neuer Deutscher Standard implementiert, experimentiert die Hansestadt Hamburg nun mit einem Optionalen 2G Modell. Was hier klingt wie ein veralteter Handy-Tarif, bestimmt nun, wie man dort am öffentlichen Leben teilnehmen darf. Und was meint das doch gleich? Geföhnt und Geschminkt? Geimpft und Gechipt? Geschnitten oder Gewürfelt? Gebraten oder Gekocht? Geschüttelt oder Gerührt? Mit 1-2 g kann der Körper ja noch ganz gut umgehen. In der deutschen Provinz ist man schon froh wenn man 3G hat, 4G sind da utopisch, die Chinesen wollen uns 5G bringen und man forscht sogar schon an 6G. Bei den G7 und G8 wir’s schnell politisch und die GSG-9 klopft besser auch nicht an die eigene Wohnungstür. Meine Güte, wer hätte eigentlich gedacht, welches Ordnungspotential der Buchstabe G so hat, oder? Die Berliner Polizei stellt sich mit einem „Großeinsatz auf Demonstrationen von Gegnern der gesetzlichen Regelungen“ am Wochenende ein. Eine kleinere Demo sei wohl genehmigt worden, weil von den 500 angemeldeten Teilnehmern keine Gefahr für die Gesellschaft ausgehe.

Weiter schreibt die Welt: „Die Polizei geht davon aus, dass eine Vielzahl von Menschen den Demonstrationsverboten nicht folgen wird. Deshalb werde man „die Versammlungsverbote durchsetzen, entsprechend präsent sein und insbesondere das Regierungsviertel schützen“, hieß es“. Seit Mittag kreisen zwei Hubschrauber über der Innenstadt, na hoffentlich geht das gut und gerät nicht ganz und gar außer Kontrolle.

Impfen
Auch hier gibt es interessante Entwicklungen. Einzelne Airlines preschen vor und wollen für ihr Personal verpflichtende Impfungen durchsetzen. Das ist dahingehend interessant, weil das selbst im Gesundheitsweisen oder im Staatsdienst m.W. noch nicht angekommen ist. Ich bin gespannt wie das weitergeht, dann das wäre ein Novum, dem andere private Brötchengeber dann sicher folgen wollen. Nun kann man sicher diskutieren, ob ein Arbeitgeber das dürfen soll oder nicht, aber ich halte das in gewissen Berufsgruppen eigentlich für angemessen. Noch interessanter würde ich die Diskussion mal in Zusammenhang mit dem Beamtentum finden. Zitat Wiki: „Während ihrer Dienstzeit sind Beamte einer gesteigerten Bindung an den Staat ausgesetzt, welche in ihrer Intensität über die normale Bindung des Bürgers an den Staat hinausgeht. Beamte stehen also in besonderer Nähe des Staates; sie sind dessen Repräsentanten. Infolgedessen können die Grundrechte von Beamten eingeschränkt werden.“
Ei, ei, ei …

Inzidenz
Die Inzidenz soll nicht mehr der Hauptindikator für die Bewertung des Infektionsgeschehens sein. Ist nachvollziehbar. Aber schade eigentlich, wirkte man als Privatmensch doch ausgesprochen informiert und auf dem besten Wege zu einer Karriere zum Stammtisch-Epidemiologen, wenn man die Inzidenz-Werte seiner Nachbarschaft auswendig konnte. Nun kommt die sogenannte „Hospitalisierungsquote“ hinzu. Ach herrje … was? Gibt‘s denn da keine Abkürzung für? HQ ist schon belegt, heißt üblicherweise Headquarter. Und Ho-Quo klingt irgendwie nach vietnamesischem Nudelgericht. Hat jemand geeignete Vorschläge?

Schönes Wochenende
T.

<— Corona-Lektionen 95

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