765) Du gehst an die Tür, wenn es klingelt

Der Stammhalter singt oft, und ich höre gern zu. Er wird kein Presley, Mercury oder Collins werden. Soll er auch gar nicht. Er soll einfach ungezwungen in die Welt der Musik und deren Texte eintauchen.

Er versteht und wiederholt die englischen Lyrics mit einer Leichtigkeit, da werde ich blass vor Neid. Ich habe jahrelang irgendeinen Stuss gesungen, weil ich die Texte nur erraten konnte. CDs mit Booklets waren teuer, und das Internet gab es noch nicht. Manchmal gabs ausgeblichene Kopien von Songtexten, mehr aber auch nicht.

Immer häufiger singt er Refrains oder ganze Strophen, bei denen ich denke: Das ist doch … na … weißt schon… wie war das noch gleich … kenne ich von früher… liegt mir auf der Zunge … na der … man jetzt sag schon … genau der.

Das macht mich wirklich happy. Er ist nicht in düsteren Gangsta-Rap, Death Metal oder weichgespültem Privatradio abgetaucht, sondern in Musik, in der ich mich auch wiederfinde und auch einen internen Film parat habe. Und das, ohne dass ich ihm das aufgedrückt habe.

Also blättern wir gemeinsam durch die verbliebenen CDs. Er entdeckt den „Disc-Modus“ der HiFi-Anlage und die mögliche Lautstärke die in ihr steckt. Bediene dich, mein Sohn, hau rein. Aber du gehst an die Tür, wenn der Nachbar klingelt.

Vorhin liefen die Chili Peppers, dann „Don’t look back in anger“ von Oasis und nun… oh… ich glaube, ich höre die ersten Takte von Radiohead‘s „Creep“.

Ich glaube mir ist gerade ein Saharastaubkorn ins Auge geflogen.

Nun ja.

PS: Titelbild via KI … der linke bin ich wohl 😉

 

32) Musik macht…

Musik umgibt uns fast überall, ob wir wollen oder nicht. Meistens wollen wir sogar und suchen sie uns  selber aus. Jeder hat so seinen eigenen Geschmack. Ich habe meinen. Aber um den geht es mir hier nicht. Mir geht es darum, was Musik mit uns macht.

Ein paar Beispiele aus Kino und Arena:

  • Jemand verstirbt, ein neues Leben tritt in den Vordergrund, eine Feder fliegt in den Himmel. Ein Klavier beginnt ganz leise, die Streicher folgen und spätestens beim Finale hat es uns gepackt.
  • Ein Kind verschwindet irgendwo in Indien, macht sich als Erwachsener auf die Suche nach den Eltern und nach langer Zeit finden sie sich endlich wieder. Also bitte, wen das kalt lässt….
  • Das Konzert ist ausverkauft, der Frontman der Band hört auf zu singen, die Besucher zücken ihre Feuerzeuge und Handy-Lampen und singen weiter. Gänsehaut!!!!

Während manch einer immer noch Taccos in die Käse-Souce dippt oder sich am Klo anstellt, reißen andere Besucher schon die zweite Packung Taschentücher auf.

Warum ist das so?

Sind es die Bilder in Verbindung mit der Musik und unser Einfühlungsvermögen dazu? Oder spielen da eigene Erlebnisse, Bedürfnisse, Wünsche oder Ängste mit rein? Und funktioniert das nur im Film?

Nein, das allein reicht nicht. Das geht ja auch ohne Bilder:

  • Musik kann so antreibend sein, dass wir beim Joggen auf einmal drei Kilometer mehr schaffen und sogar unsere Bestzeit toppen
  • Bestimmte Titel sind so beschwingend, dass die Müdigkeit im Nu verfliegt und wir Berge versetzen könnten
  • Die Komposition kann so mobilisierend sein, dass Armeen dazu marschieren oder tausende Techno-Jünger vergessen, Wasser zu trinken
  • Das Werk kann so traurig und ergreifend sein, dass es uns die Kehle zuschnürt, ohne direkt betroffen zu sein
  • Sie kann so depressiv rüberkommen, dass wir uns sofort neben den Protagonisten an die Bar setzen und einen Whiskey bestellen könnten

Sind es vielleicht die Texte? Die Geschichten?

Nein, glaube ich nicht. Wenn man mal ehrlich ist, kennen wir doch die meisten Texte kaum und wissen nicht worum es wirklich geht. Klassische Musik und moderne Instrumental-Musik kommt auch ohne Texte aus. Da muss mehr sein.

Was ist es dann? Das Tempo? Der Rhythmus? Die Tonart?

Ja, das ist sicher wichtig und macht viel aus. Bestimmen sie doch, ob wir zur Musik tanzen, joggen, meditieren oder einschlafen können. In Dur kriegen wir gute Laune, Moll zieht uns runter.

Aber was trifft uns so ins Herz?

Es müssen also die Melodien sein. Die Akkorde, die Harmonien, die sich durch unsere Ohren zu unserem Prozessor durcharbeiten und uns dann über die Emotionsplatine fernsteuern. Mundwinkel fallen oder heben sich, Gänsehaut zieht über den Nacken hoch bis in die Haarwurzeln, Tränenkanäle laufen über oder wir können vor lauter Freude in die Luft springen.

Musik hat so viel Macht und macht so viel mit uns.