In Beitrag > Auszeit – 5 hatte ich ja schon angekündigt, mit einigen Vorurteilen, Annahmen und einer Menge Halbwissen über Polen und das Baltikum aufzuräumen.
Schon vor meiner Reise bin ich einigen Aussagen von Freunden und Kollegen begegnet. Aber ich muss mich auch selbst einschließen. Mir sind unterwegs auch solche Gedanken durch den Kopf gegangen. Nach nunmehr mehr als 6.700 Kilometern auf Landstraßen und zu Fuß, möchte ich damit jetzt ein wenig aufräumen.
Zunächst einmal das, was mir im Vorfeld so begegnet ist:
„Baltikum? Guckst du auch Nachrichten? Da hast du dir aber einen guten Zeitpunkt ausgesucht.“
Ja, mag sein. Aber die Menschen hier haben sich diesen aggressiven Nachbarn schließlich auch nicht ausgesucht.
„Baltikum … okayyyyy. Und warum ausgerechnet dahin?“
Weil sich die Berichterstattung und die Medien meist auf Süd- und Westeuropa konzentrieren. Man redet über Europa, Holland, Italien, Frankreich, Portugal, Spanien oder die Skandinavier, von denen man doch so viel lernen kann. Aber auch hier, ganz rechts oben auf der Europakarte, leben ausgesprochen nette Menschen. Es gibt viel zu entdecken und durchaus auch einiges zu lernen.
„Dann pass mal auf, dass du nicht plötzlich ohne Reifen oder gleich ganz ohne Auto dastehst.“
Völliger Blödsinn. Die Menschen hier fahren Autos jüngerer Baujahre. In der ersten Nacht habe ich mir vielleicht noch Gedanken gemacht, weil ich es ehrlich gesagt nicht besser wusste. Danach stand mein Auto aber wie selbstverständlich am Straßenrand, zwischen all den anderen Autos. Ich habe immer noch denselben Reifensatz und auch keine einzige eingeschlagene Autoscheibe auf der Straße gesehen. Vielleicht war das irgendwann einmal so, mag sein. Aber diese Zeiten sind längst vorbei.
„Hast du genug Bargeld eingepackt?“
Ja, mache ich grundsätzlich. Ich habe aber bislang fast alles mit Karte bezahlt. Selbst das Klo, wenn es überhaupt mal etwas kostete. Langsam frage ich mich, was ich mit dem ganzen Papiergeld überhaupt machen soll.
„Und wie willst du dich dort verständigen?“
Die jüngeren Leute sprechen meist Englisch, viele Schilder sind zweisprachig und wenn es doch mal hakt, hilft die App des Vertrauens. 4G oder 5G gibt es gefühlt hinter jedem Busch.
„Pass bloß auf die Mücken auf. Die Müüüüüücken. Ich sag dir: überall Mücken.“
Ich habe zwar Mückenspray im Koffer, aber bisher noch kein einziges Mal gebraucht. Auch Kühlergrill und Frontscheibe sehen längst nicht mehr so aus wie früher nach einer Sommerfahrt. Das macht mir ehrlich gesagt eher Sorgen. Wo sind die alle geblieben?
Soweit die guten Ratschläge von anderen. Aber nun an die eigene Nase gefasst:
„Ich packe besser ein paar Vorräte ein. Wer weiß, wo ich da lande.“
Völliger Unsinn. Ich muss mich inzwischen eher zwingen, die Sachen aufzubrauchen, damit ich sie nicht wieder mit nach Hause nehme. Hier gibt es an jeder Ecke Supermärkte. Übrigens auch Sonntags. Side Kick. Ladenschlussgesetz …
„Und vielleicht noch fünf Liter Sprit extra in den Kofferraum. Man weiß ja nie.“
Genau derselbe Quatsch. Tankstellen gibt es hier selbstverständlich ebenfalls. Stattdessen riecht meine Karre jetzt nach Benzin.
„In diesem grauen Gebäude soll mein Appartement sein?“
Hinter der Tür erwartete mich eine geschmackvoll eingerichtete Wohnung, in der es an nichts fehlte.
„Da oben am Kap Kolka ist doch das Ende der Welt. Fahr mal besser vorher noch einen Supermarkt an.“
Der Wirt des Gasthauses begrüßte mich in herrlichem Osteuropa-Englisch. Wir vereinbarten für kleines Geld ein Omelett zum Frühstück. Am Abend bestellte ich von seiner Speisekarte und trank ein, zwei Lāčplēsis-Bier, den „Bärentöter“. Und direkt neben dem Hotel befand sich … ein kleiner Supermarkt.
Also hört endlich auf mit diesen alten Klischees. Das gilt übrigens auch für deutsche Mietwagenanbieter, die mir gar nicht erlauben wollten, hierherzufahren. Ich weiß bis heute nicht, warum.
In den nächsten Tagen schreibe ich noch über ein paar Dinge, die mich hier wirklich positiv überrascht haben und bei denen sich Großmaul-Deutschland durchaus die eine oder andere dicke Scheibe abschneiden könnte.
Alles richtig gemacht und ich werde wiederkommen.
Bis die Tage
