85) Abseits – Vol 6

Noah war vielleicht gerade mal ein Drittel der Wanderung um den Glendalough Upper Lake gelaufen. Es ging bergauf, Stein um Stein. Mühsam. Sonnig und heiß war es … ungewöhnlich für einen Irischen Sommer, aber so sind die Dinge nun mal heutzutage.

Um etwas zu verschnaufen nahm er Platz auf einem Stein. „Alter, ist der heiß“ …  entfuhr es ihm und er sprang wieder auf. „Ja, was soll ich ich denn sagen“ … erwiderte der Stein.

Noah: Tach‘ Stein.

Stein: Hija Mensch, how are you?

Noah: Mir geht‘s gut … und was machst du hier so?

Stein: Ich liege hier so herum.

Noah: Würde ich auch gern mal.

Stein: Sicher?

Noah: Na klar doch, ich meine einfach nur hier so rum …

Stein: Ich habe alle Hände voll zu tun, selbst wenn ich keine habe.

Noah: Wie das?

Stein: Immer einen stabilen Eindruck machen, denn wenn nicht, zerstückeln die mich und machen aus mir … Straße.

Noah: Ja, gut aber ich meine … trotzdem … ist es doch recht … locker hier … oder?

Stein: Von wegen, entweder ist es kalt, nass oder heiß … und rückt mir ein Nachbar auf die Pelle, werde ich den lange nicht mehr los.

Noah: Ja, so einen habe ich auch.

Stein: Und wenn das hier alles ins Rutschen gerät, muss ich aufpassen, dass ich von denen da oben nichts aufs Dach kriege und ich trotzdem genug Steine unter mir habe, um weiterhin weit genug oben zu bleiben.

Noah: Selbst hier?

Stein: Gerade hier!

Noah: Ok, ich muss weiter.

Stein: Ihr Menschen müsst immer irgendwohin. Ich muss dafür sorgen, dass ich hier bleiben kann.

84) Abseits – Vol 5

Noah hatte sich am Nationalpark sattgesehen. Das Moor. Die kleinen Wasserlöcher, in denen sich die Wolken und der blaue Himmel spiegelten. Die wenigen Birken, die hier fast fehl am Platz wirkten.

Schön war es.

Wieder einmal fühlte er sich bestätigt. Eigentlich brauchte es gar nicht viel.

Er ging zurück zum Camper und rumpelte über die holprige Piste zur Hauptstraße. Die Fenster blieben geöffnet. Erst sollte die Hitze aus dem Wagen verschwinden.

Etwa auf halber Strecke sah er eine großgewachsene, blonde Frau am Wegesrand. Irgendetwas stimmte nicht. Im selben Moment hob sie die Hand. Noah hielt an.

Ob er sie bis zum Bahnhof im Ort mitnehmen könne? Der Staub mache ihren Kontaktlinsen zu schaffen.

“No issue. Jump in.”

Noah stellte sich kurz vor und erzählte, was er mit seinem Camper fernab der Heimat in dieser Ecke machte.

„Breakout. Einfach mal dem Irrsinn entfliehen.“

Die Frau lächelte. Sie sei Niederländerin. Und, wie sie selbst sagte, Nomadin. Ebenfalls auf einem Breakout. Allerdings schon seit vier Jahren.

Seit der Scheidung habe sie sich von fast allem Materiellen getrennt. Sie ziehe einfach umher. Am Bahnhof warte ihr kleiner Acht-Kilo-Koffer. Alles, was sie wirklich brauche, passe hinein. Die Wintersachen lägen bei ihrer Tochter in Südholland. Ein paar andere Dinge bei ihrem Sohn auf Bali, der dort mit seinem Laptop arbeite.

Sie lebe bescheiden. Reist zu Fuß, mit Bus oder Bahn. Ihr Budget verdiene sie als Psychotherapeutin über Videokonferenzen mit ihren Klienten.

Mehr brauche sie nicht. Sie sei glücklich.

Sie erreichte den Bahnhof früher als geplant. So blieb noch etwas Zeit. Sie plauderten eine Weile. Über das Unterwegssein. Und darüber, wie wenig es eigentlich braucht.

Nach einer waren Begegnung im Ķemeri Nationalpark, Lettland, 02.07.26

Nur der Camper wurde hinzugedichtet und der Name des Fahrers.