84) Abseits – Vol 5

Noah hatte sich am Nationalpark sattgesehen. Das Moor. Die kleinen Wasserlöcher, in denen sich die Wolken und der blaue Himmel spiegelten. Die wenigen Birken, die hier fast fehl am Platz wirkten.

Schön war es.

Wieder einmal fühlte er sich bestätigt. Eigentlich brauchte es gar nicht viel.

Er ging zurück zum Camper und rumpelte über die holprige Piste zur Hauptstraße. Die Fenster blieben geöffnet. Erst sollte die Hitze aus dem Wagen verschwinden.

Etwa auf halber Strecke sah er eine großgewachsene, blonde Frau am Wegesrand. Irgendetwas stimmte nicht. Im selben Moment hob sie die Hand. Noah hielt an.

Ob er sie bis zum Bahnhof im Ort mitnehmen könne? Der Staub mache ihren Kontaktlinsen zu schaffen.

“No issue. Jump in.”

Noah stellte sich kurz vor und erzählte, was er mit seinem Camper fernab der Heimat in dieser Ecke machte.

„Breakout. Einfach mal dem Irrsinn entfliehen.“

Die Frau lächelte. Sie sei Niederländerin. Und, wie sie selbst sagte, Nomadin. Ebenfalls auf einem Breakout. Allerdings schon seit vier Jahren.

Seit der Scheidung habe sie sich von fast allem Materiellen getrennt. Sie ziehe einfach umher. Am Bahnhof warte ihr kleiner Acht-Kilo-Koffer. Alles, was sie wirklich brauche, passe hinein. Die Wintersachen lägen bei ihrer Tochter in Südholland. Ein paar andere Dinge bei ihrem Sohn auf Bali, der dort mit seinem Laptop arbeite.

Sie lebe bescheiden. Reist zu Fuß, mit Bus oder Bahn. Ihr Budget verdiene sie als Psychotherapeutin über Videokonferenzen mit ihren Klienten.

Mehr brauche sie nicht. Sie sei glücklich.

Sie erreichte den Bahnhof früher als geplant. So blieb noch etwas Zeit. Sie plauderten eine Weile. Über das Unterwegssein. Und darüber, wie wenig es eigentlich braucht.

Nach einer waren Begegnung im Ķemeri Nationalpark, Lettland, 02.07.26

Nur der Camper wurde hinzugedichtet und der Name des Fahrers.


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4 Kommentare zu „84) Abseits – Vol 5

  1. nur funktioniert das zeitweise oder dauerhafte Aussteigen nur individuell, weil die große Masse weiter ihren nicht immer sichtbaren Job 24/7 macht. Wenn alle aussteigen, prügeln sie sich ganz schnell um die letzten Beeren am Strauch.
    Trotzdem ist ´ne Pause in unserem völlig überhitzten modernen Leben gut und wichtig, kann unser Gesellschaftssystem aber nicht lösen, also geht es nur individuell (für wenige)

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