482) Klick, rumms und das Haus ist weg

Ich schaue nur wenig Nachrichten dieser Tage. Ich bin nicht verdrossen oder verschließe die Augen, nein, nein. Es ist nur schwer anzusehen und das reicht dann auch einmal am Tag, besser nach dem Essen. Gräueltaten die Menschen an anderen Menschen vollbringen und sich in dem Moment so nahe sind, dass sie sich in die Augen schauen können. Oder das Töten aus der fernen Distanz. Man sieht ein Haus von oben, in Grautönen, ohne Ton, jemand drückt irgendwo einen Knopf und wumms ist das Gebäude samt Mobiliar, Haustechnik und menschlichen Körperteilen in Rauch aufgelöst. Eine graue Wolke verzieht sich und dann ist da nur noch ein Loch  im Straßenviertel. Wirkt recht chirurgisch. Und auch nicht so laut. In einem Kommentarwechsel unter Reiners Beitrag >Zeit, sich umzustellen haben wir diskutiert wie selbstverständlich solche Bilder schon geworden sind.
  • „Früher“ als ich mich langsam zum Nachrichten-Konsument entwickelte, gab es eher mündliche Berichte. „In der vergangenen Nacht ist an der Grenze von X und Y zu heftigen Kämpfen zwischen A und B gekommen. Das Verteidigungsministerium von A spricht von 650 Toten, B dementiert dies bislang“. Maximal gab‘s noch ein Bild dazu, fertig. Details blieben eher verborgen.
  • Zu Beginn des zweiten Golfkriegs Anfang der 90-er konnte man schon auf der Couch sitzen und in der Chips-Tüte rascheln, während Nachrichtensprecher von den ersten Raketeneinschläge berichteten. Live und in Farbe, aber immer noch mit viel Abstand. In den Mund gelegt: „Und hier sehen wir noch mal ein schönes Exemplar wie es in den Himmel steigt, es fliegt und fliegt, was für ein Schweif … oahhh … schööööön … und Treffer! Noch eine bitte. Papa haben wir noch mehr davon?“
  • Im Irak-Krieg zum Anfang der Nuller Jahre kam der Begriff „Embedded Journalism“ in mein Nachrichten-Leben. Journalisten liefen mit Soldaten mit und kommentierten das aktuelle Geschehen vor Ort, eingebettet in die Kampfhandlungen. Die Kamera war oft verwackelt, Audio-Kommentare nicht immer zu verstehen und das Risiko für die Presse-Leute nicht gerade klein, erwischt zu werden.
  • Tja und nun gibt‘s Luftaufnahmen von oben. Ein Haus, ein Dachgarten. Man sieht nicht was die Menschen in dem Haus tun. Ob sie auf dem Klo sitzen, an den Füßen pulen oder Essen kochen. Oder fiese terroristische Pläne aushecken, die Lage besprechen und die nächsten Angriffe planen. Wir Zuschauer wissen es nicht. Dann macht irgendwer irgendwo Klick, rumms und das Haus ist weg.
  • Ich frage mich was wohl als Nächstes kommt? Kamera-Drohnen die vorher in die Häuser fliegen und auch mal die Perspektive von Innen zeigen? Vielleicht könnte man die Playstation-Controller der Kids auch noch irgendwie mit einbinden? Und Werbung. Werbung fehlt auch noch. „Dieser Abschuss wurde ihnen präsentiert von Petersthaler. Ein Bier so herrlich prickelnd und explosiv.“ oder „Der nächste Treffer erfolgt mit freundlicher Unterstützung von Nut-Cracker, denn wir knacken jede Nuss.“ Und  nun kommen die Disclaimer:
    • PS1: nein ich schreibe jetzt keinen Disclaimer, dass ich ich mich nicht lustig machen will. Das ist ja wohl logisch.
    • PS2: es gibt einen guten Film mit Ethan Hawkes, nennt sich Good Kill, aus dem Jahre 2014. Zehn Jahre alt nur.
    • PS3: das Titelbild ist keine Bildaufnahme von einem solchen Angriff, stattdessen habe ich heute mein Handy aus dem Auto gehalten und die Wolken über der A13 fotografiert und das dann stümperhaft verändert. So … alles gesagt?

Entdecke mehr von T.ipping-Point

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

12 Kommentare zu „482) Klick, rumms und das Haus ist weg

  1. Dieser Blodsinn wird niemals eine Ende nehmen solange Lobby Gruppen die Welt regieren. Das hat mit Demokratie wenig zu tuen. Nur mit einem bindenden Volksentscheid in jedem Land kann sich das andern. Die Mehrheit der Deutschen wollen z.B. eine Geschwindigkeitsbegrenzung auf der Autobahn. Die Lobbygruppe der Autoindustrie will das nicht. Also wird auf eine Mehrheit der Abgeordneten Einfluss genommen und schon ist der Bundestag gegen eine Geschwindigkeitsbegrenzung. Diese Geschichten kann man lange fortsetzen. Es gibt die Waffenlobby und die Lobby fur die chemische Industrie. In Grossbritanien gab es sogar einst einmal eine Lobby Gruppe die sich dafur einsetzte dass man unbedingt Sklaven fur die Plantagen in Amerika benotigen wuerde. Damals wurden die Abgeordneten noch nicht bezahlt und daher war es leicht fur die Grossgrundbesitzer eine Mehrheit im Parlament zu bekommen. Die Antwort auf alle Probleme der Welt ist einfach: „Am Schweizer Wesen wird die Welt genesen.“Religoese Fanatiker und Lobbyisten loesen keine Probleme sondern schaffen immer wieder neue Probleme.

    1. Viel Inhalt in dem Kommentar, danke. Ich bin ja Volksentscheiden durchaus offen gegenüber, aber das „Volk“ hat zumindest hier in Berlin schon mehrmals Blödsinn entschieden, da bin ich mir manchmal nicht sicher, ob ich die wirklich großen Entscheidungen ans Volk delegieren will. Beim Boulevard, da bin ich ganz bei dir. Denn es entstehen weder neue Kosten, noch neue Risiken. Wenn das Volk so einsichtig ist, dass Ökologie, Sicherheit und Qualität gewinnt, Dann kann ich auch nicht verstehen, warum man sich als Regierungsfraktion so dagegen stimmt. Lobby. Recht klar. Anders kann man das nicht erklären.

  2. Wäre ich zynisch, würde ich sagen: Bilder von verpuffenden Gebäuden sind für die Gamer Generation. Dass Menschen unter den Trümmern tot oder verblutend liegen, mag sich dann jeder selber ausdenken oder auch nicht. Schon im Irakkrieg füllten diese Bilder unsere Nachrichten, die Drohnenpiloten sitzen in Nevada oder auf Hawaii – und gehen nach Feierabend ein Bier trinken. Gut, dass Du diese Art der „Kriegsberichterstattung“ hier thematisiert hast.

  3. Bin schwer beeindruckt! Ein Blogpost, der mir aus der Seele spricht, auch mitsamt seinen makabren Weiterungen! (Hab‘ dein Blog in meine „Blogbibliothek“ aufgenommen und hoffe, das ist ok!)

    1. Irgendwann filmt die Kamera noch, wie der/die auf dem Klo sitzende weggesprengt wird … aber es scheint ja leider auch Publikum dafür zu geben, oder wird Publikum damit generiert?

      1. Ich weiß natürlich nichts wirklich sicher. Aber ich habe mal gelesen, dass man einer vergleichbaren Frage (hohle Fernsehsendungen) nachgegangen ist und hier wohl in der Tat dem vorhandenen Bedarf gefolgt wird…

Hinterlasse eine Antwort zu Belana Hermine Antwort abbrechen