702) 3-D-Druck im Kopf

Was mache ich hier überhaupt?

Diese Frage kam mir in den letzten drei Arbeitswochen immer wieder in den Sinn. Zunächst habe ich den bekannten „Urlaubskater“ nach längerer Abwesenheit dafür verantwortlich gemacht. Doch der Gedanke bleibt und er nagt.

Drei Wochen habe ich gebraucht, um all die E-Mails und Chatnachrichten weitgehend aufzuarbeiten. Jetzt habe ich wieder halbwegs den Durchblick,  von einem Plan möchte ich noch nicht sprechen.

Ich stelle fest, dass diese Wiedereinstiege nach dem Urlaub von Jahr zu Jahr schwerer fallen. Es fühlt sich an, als würde man direkt von einer ruhigen Urlaubsinsel auf eine achtspurige Autobahn teleportiert, irgendwo mitten in Manhattan. Natürlich suche ich die Ursache zuerst bei mir. Vielleicht liegt es daran, dass ich keine dreißig mehr bin. Sicherlich spielt das eine Rolle. Aber ich glaube, es hat auch etwas mit der heutigen Arbeitswelt selbst zu tun, mit dem Tempo, der Verdichtung, der permanenten Anspannung, die uns umgibt. Dem Druck. Jeden Tag.

Als ich in den 1990er-Jahren ins Berufsleben eingestiegen bin, war das Schlimmste, was passieren konnte, regelmäßig Überstunden machen zu müssen. Ansonsten kam zweimal täglich die Hauspost, hin und wieder ein Fax. E-Mails waren eine experimentelle Form der Kommunikation. Und wer in den Urlaub ging, hatte selbstverständlich eine Vertretung. Es gab Abteilungen, in denen mehrere Kollegen ähnliche Aufgaben hatten. Fiel jemand aus, wurde die Arbeit aufgefangen. Es war kein Paradies, aber in der Rückschau fühlt es sich fast so an.

Heute gelten Überstunden als verpönt, aus Gründen der Work-Life-Balance und im Sinne einer modernen Unternehmenskultur. Also wird das volle Arbeitspensum in die acht bis zehn Stunden gepresst, die man noch „offiziell“ arbeiten darf. Vertretungen gibt es kaum noch. Urlaubszeiten werden vor-oder nachgearbeitet, wer weg ist, ist selber Schuld.

Im Arbeitsalltag habe ich oft das Gefühl, ich stecke in einem Rubik’s Cube, diesem magischen Würfel, der aus vielen kleinen Würfeln besteht. Wahnsinn in 3D.

Die erste Dimension, symbolisiert durch die vertikale Reihe, steht für die Vielzahl an Eingangskanälen, die ständigen Unterbrechungen und das fragmentierte Arbeiten. Die Aufgaben kommen nicht geordnet auf dem Schreibtisch an, sondern prasseln in Echtzeit auf einen ein. Das überquellende  E-Mail-Postfach, mehrere Dutzend Chatgruppen, eine Meeting-Anteil von 70 Prozent des Tages. Man kann sich fast schon glücklich schätzen, dass man  kaum noch klassische Telefonanrufe bekommt.

Die zweite Dimension, die horizontale Reihe, steht für die kurze Halbwertszeit von Informationen und das Tempo, mit dem sich Aufgaben, Ziele und Technologien verändern. Kaum hat man ein Thema durchdrungen oder halbwegs abgeschlossen, ändern sich die Rahmenbedingungen. Mit etwas Glück muss man nicht alles wegwerfen, sondern kann es „agil“ auf neue Anforderungen anpassen.

Die dritte Dimension, die Tiefe des Würfels, beschreibt die Vielzahl an Anforderern, die zeitgleich etwas erwarten. Eine echte Priorisierung ist kaum noch möglich. Arbeitet man an einer technischen Krise, die Hunderte von Usern betrifft? Oder erstellt man besser die Präsentation für den Big Boss? Hilft man dem Kollegen, der einem schon oft aus der Patsche geholfen hat? Nimmt man sich die Zeit, dem Azubi etwas beizubringen? Oder erledigt man endlich das überfällige Datenschutz-Training, bevor man beim Chef angeschwärzt wird?

Ich schreibe hier oft mit einem Augenzwinkern, aber diesmal nicht. Denn ich mache mir ernsthafte Sorgen, wohin das alles führt. Wenn diese Taktung anhält, wenn dieses Maß an gleichzeitigen Anforderungen zum neuen „New Normal“ wird, steuern wir, so glaube ich, auf einen kollektiven Erschöpfungszustand zu. Dann steht selbst die KI ahnungslos da, weil die ganzen Erfahrungsträger nicht mehr da sind, sondern ausgebrannt auf der Couch eines Coaches liegen.

Neulich stand ich in einer Straßenbahn hinter der Fahrerkabine und schaute dem Fahrer über die Schulter. Da war sie wieder, diese Idee: Ein klarer Dienstplan, ein definierter Fahrweg, eine konzentrierte Aufgabe. Ein verantwortungsvoller Job, ohne permanentes Umtakten. Die Menschen warten auf einen. Sie freuen sich wenn man endlich vorfährt. Und wenn man aus dem Urlaub zurückkommt, hat sich die Strecke nicht verändert, es ist nichts liegen geblieben und es warten auch nicht 1.000 Nachrichten. Und wenn es mal eine Baustelle und Umleitung gibt, ist es vielleicht eine willkommene Abwechslung.

Kennt jemand einen Tram-Fahrer/In?

Ich würde da gern mal einen Tag mitfahren … nur mal so.

Kein Witz.

PS1:Titelbild via ChatGPT

PS2: vor sechs Jahren hatte ich begonnen, die Serie >New Work zu schreiben. Einige fanden das zu dystopisch oder abgedreht … nun was soll ich sagen ….


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6 Kommentare zu „702) 3-D-Druck im Kopf

  1. Ich kann Dir hier nur beipflichten.

    Obwohl ich die wichtigsten Dinge eh schon aus dem Urlaub heraus erledige – ist das dann noch Urlaub? – brauche ich hinterher an die 2 Wochen, um wieder Grund reinzukriegen. Krankschreiben kommt auch nicht in Frage. Hinterher muss man gleich wieder derart ran, dass man direkt wieder krank wird.

    Ich habe auch keine Ahnung, wo das hinführt.

    Wenn Du wirklich mal als Fahrer auf eine Bahn willst, dann schau doch mal, ob die BVB nicht auch mal einen Tag der offenen Tür oder sowas anbietet. Hier kann man das tatsächlich mal ausprobieren – oder konnte es zumindest. Auf dem ganz aktuellen Stand bin ich nicht.

    Lass Dich nicht entmutigen.

    1. Danke Belana Hermine, vielleicht gehe ich auch zur Deutschen Bahn. Da bleibt die Kiste irgendwo stehen, dann mache ich eine Durchsage, genieße den Ausblick und warte auf Anweisung aus der Leitstelle. Herrlich. 😉

      1. Da fällt mir ein Satz aus dem Film „American Beauty“ ein: „Ich möchte einen Job mit der geringstmöglichen Verantwortung.“ ***lach***

        Aber vermutlich wäre man auf Dauer damit auch nicht wirklich glücklich. Dem Menschen kann man es eben nicht recht machen.

  2. Deine Analyse hat mich wirklich gepackt, weil ich es selbst – in der exakt gleichen Lebensphase – so erlebt habe. Und ich kenne viele aus meiner Generation und aktuell Deiner, die dieses Schraubstockgefühl hatten bzw. haben. Und es ist kein Zufall, dass dies mit um die 50 passiert – dazu gibt es Unmengen Literatur, Biographien etc. Das Gefühl, sich von Job und Verantwortung, von Last und Belastung befreien zu müssen, die Frage, ob es nicht ein alternatives Leben gibt, die Utopie von einer Selbstbefreiung, beruflichem Neuanfang, oder dem Entkommen aus scheinbar alternativlosen Umständen – all das ist mir nur allzu bekannt: Ich träumte davon sich mit der Redaktion selbständig machen, das Büro nach Indien zu verlegen, zugleich noch ein Consulting- oder ein Reisebüru aufzumachen (oder beides) und vieles mehr. Viele befreundete Selbständige in gleichem Alter träumten vom genauen Gegenteil: endlich eine abgesicherte Position mit regelmäßigem (und gutem) Einkommen. Sie hielten mich für verrückt. Wieder andere warnten davor, den Lebensstandard zu riskieren – mit noch mehr Hamsterrad aber weniger Einkommen – halt all die Risiken eines Neuanfangs. Es gibt keine Pauschallösung, jeder wird eine für sich finden (müssen): Veränderungen im Kopf und im bestehenden Job oder die unbändige Lust, ins kalte Wasser zu springen. Alleine sich darüber Gedanken zu machen, wie Du es gemacht hast, ist schon ein guter Schritt. Es hilft, sich neben sich zu stellen und eine Liste der Pluspunkte zu machen und dann die „Risikoliste“ daneben zu stellen. Vorallem aber, sich der Alterung bewusst zu werden – der Kopf merkt das als Letzter 🙂 Ich habe mir mit 50 einen SUV mit Allrad-Antrieb gekauft – so was von Midlife Crisis. Mit 55 musste ein Trekking Tour im Himalaya sein, allein mit einem kleinen Team vor Ort – tolles Erlebnis Dabei hätte ich wohl besser den Vitamin B12 Level checken sollen. 🙂

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