31) New Work – Teil 9

Fortsetzung …

Der Rechner seines ehemaligen Arbeitgebers fuhr herunter und sollte nie mehr erwachen. Zumindest nicht unter Noahs Fingern. Mit dem Laptop gingen auch seine Daten, Projekte und Referenzen. Er war ein „Niemand“. Ein unbeschriebenes Blatt.

Er ging seine Optionen durch. Neuorientierung? Etwas ganz anderes machen? Ja, warum nicht. Aber solche Veränderungen brauchen Zeit. Still war es in seiner Mirco-Flat. Die Stimme aus der Zimmerdecke schien gegangen. Wurde sie auch deaktiviert? Sollte sie nie mehr auf Meetings und Aufgaben hinweisen? Ihm Struktur und Orientierung geben? Noah fühlt sich allein, geht zum Fenster und schaut wieder auf die Dächer des Wohnviertels. Denk nach! Doch dann wird er unterbrochen.

Gong: „Noah, gemäß §11 der Geschäftsbedingungen für virtuelle Zusammenarbeit, bleibe ich als  Assistenz-System implementiert und werde auf Arbeitspakete und Abgabetermine hinweisen.

Das war es erst einmal mit dem Nachdenken. Na großartig, erst schmeißen sie mich raus, aber deren diktatorische Abhöranlage bleibt mir erhalten, dachte Noah.

Gong: „Noah, es wurden soeben 14 passende Arbeitspakete ermittelt. Vertragsunterlagen und weitere Instruktionen wurden an deinen privaten Mail-Account verschickt. Interessenten können bis 10:00 Uhr ihre Gebote einreichen.

Er spürt Spannung im rechten Mittelfinger, unterdrückt aber seine Wut. Er startet seinen privaten Rechner, folgt der E-Mail, wählt sich in die Arbeitsplattform ein und überfliegt die Arbeitspakete. Fachlich könnte er sie alle bedienen und sie würden ihn ein paar Tage beschäftigen. Jedes Paket war mit einer Aufwandsschätzung gekennzeichnet, jedoch gab es keine Angaben zur Vergütung. Die Anzahl der Gebote war hingegen für jeden Job sichtbar. Und sie stiegen kontinuierlich an. Noah klickt auf einen dieser Zähler und erhält eine Liste aller Mitbietenden. Martin75, SvenK, Juergen_F und so weiter. Ob er wohl einen von denen kennt? Sind das vielleicht seine Ex-Kollegen? Jeder User Name ist mit einer zusätzlichen Sternebewertung versehen. Bei den folgenden Namen auf der Liste, beginnt er zu ahnen, dass das kein Spaziergang wird.

JamalX, Ranjid_4.0, Santosh2020 und Rajni2. Er schnappt nach Luft. Es scrollt weiter nach unten. Han_04, ShengBao, TianLi und Luan2018. Sie alle tragen 4 oder 5 Sterne hinter ihren Namen. Noahs Account hat hingegen noch keinen einzigen Stern. All diese User haben Gebote abgegeben, aber niemand kann die Gebote der anderen sehen. Den Namen nach, sind das alles Co-Worker aus Asien, die würden nur einen Bruchteil dessen verlangen, was er zum Leben bräuchte. Da kann er ja gleich einpacken. 

Oder wurden diese Identitäten nur erfunden, um sein Gebot zu drücken?
Was kriegen denn die anderen User von ihm zu sehen?
Gibt es überhaupt andere User die mitbieten?
Ist er vielleicht ganz allein hier?

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25) New Work – Teil 8

Fortsetzung …

Eine „Almost Manless Company“. Mit diesem Begriff verschwand der CEO aus der Holo-Con und somit auch aus Noahs Micro-Flat. Dass solche Formulierungen den Börsenanalysten die Freudentränen in die Augen treibt, konnte sich Noah denken.

Ein neues Unternehmen, nahezu ohne Liegenschaften, ohne Mitarbeiter, dafür aber mit den vollen Umsätzen, ist der Traum eines jeden Shareholders. Eigentlich erwartete Noah, dass der Gong ertönt und die Stimme aus der Zimmerdecke zum täglichen Arbeitsbeginn ruft. Aber im selbem Moment wurde ihm klar, dass das ja nun Geschichte war. Da er ja nun kein Arbeitnehmer mehr war, gab es folglich auch keinen Arbeitgeber mehr, der ihn anwies, dieses oder jenes zu tun. Die Unternehmenshierarchie, die Job-Description und alle geregelten Verantwortlichkeiten haben sich in Luft aufgelöst. Stattdessen würde er sich künftig um einzelne Aufgaben aus dem Backlog „bewerben“ müssen, die ihm dann im Erfolgsfall „assigned“ würden. Er würde keine Human-Ressource mehr sein, sondern nur noch ein namenloser „Assignee“ mit einer Contractor-ID.

Gong: „Noah, zur Umsetzung der soeben verkündeten Unternehmensstrategie sind alle ehemaligen Human-Ressourcen aufgefordert, jegliche in deren Besitz befindlichen Arbeitsmittel und Geräte zurückzuschicken. Wer weiterhin noch am Wachstum des Unternehmens teilhaben will, arbeitet mit eigenen Geräten. Nähere Ausführungen und Systemvoraussetzungen, können im Absatz UYOD der neuen AGB eingesehen werden, die hiermit in Kraft tritt und die künftige Zusammenarbeit regelt.

Wie von Zauberhand erwachte sein Arbeits-Computer aus dem Stand By, die Option „Cloud Backup“ begann zu arbeiten und schaufelte alle seine Daten in die Cloud seines ehemaligen Arbeitgebers. Danach startete das Programm „Auf Werkszustand zurücksetzen“ und der Rechner fuhr herunter. Dieser Rechner war eigentlich noch nie vollständig aus bemerkte Noah. Nun herrschte Stille. All das, was Noah jemals für das Unternehmen erschaffen, gedacht, kommuniziert hatte, war … weg. Alle sein bisherigen Projekte und Referenzen unerreichbar. Wenn er sich jemals wieder für Aufgaben bewerben sollte, wäre er ein Nobody.

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16) New Work – Teil 7

Fortsetzung …

Gong: „Noah, es ist 07:55 Uhr“, spricht es aus der Zimmer-Decke. „Das geplante Meeting 08:00 Uhr ist abgesagt, stattdessen spricht der CEO zu den Mitarbeitern. Man erwartet pünktliche Teilnahme via Holo-Con.“

Noah räumt schnell noch ein paar persönliche Dinge aus dem Weg, denn wenn der CEO zu ihm spricht, sollte es doch halbwegs ordentlich aussehen in seiner Micro-Flat.

Gong: „Noah, die Holo-Con beginnt in T minus 5, 4, 3, 2, 1.“  Wie aus dem Nichts baut sich der CEO in seiner kleinen Wohnung auf und beginnt seine Ansprache. „Liebe Mitarbeitenden“, „lieber … Noah … “, personalisierte man sein Anliegen mit eingeschobener Roboter-Stimme. Unternehmensberatungen rieten jüngst zu dieser Form der individualisierten Ansprache.

„Ungewöhnliche Zeiten erfordern drastische Maßnahmen“, setzte er fort. „Die Entwicklung der Geschäftszahlen seit Beginn der Pandemie, mache radikale Veränderungen notwendig“, schlussfolgerte er und begann die Kernpunkte zusammenzufassen:

  1. Ab sofort werde das Arbeitsverhältnis derer, die seit Mitte März nicht mehr in der Firma waren, vollständig virtualisiert. Wer seither nicht wirklich vor Ort gebraucht wurde, soll künftig nur noch „off-site“ arbeiten. Circa 95% der Büro-Flächen werden abgestoßen.
  2. Für den Fall, dass Human-Ressourcen einen Bedarf an persönlichem Kontakt verspüren sollten, wurden entsprechende Verträge mit Shared Working Spaces verhandelt, die diskreten Aufenthalt bei guter Infrastruktur anbieten.
  3. Sozialleistungen werden auf ein Minimum heruntergefahren. Eine ausgewogene Ernährung und sportliche Betätigung wurden als weiterhin förderungswert eingestuft und können über die bekannten Fast Food-und Fitness-Ketten abgerufen werden. Auch hier wurden entsprechende Kontingente verhandelt.
  4. Bisherige Arbeits- und Tarifverträge seien nichtig. Künftig werden Arbeitspakete ausgeschrieben, interessierte Mitarbeitende können sie online ersteigern. Der Download der Arbeit, die zeitgerechte Erbringung, die Bewertung, die Vergütung und Abführung der Steuer und SV-Beiträge laufe künftig „on demand“, auf Stunden-Basis, abgewickelt über eine App.
  5. Die Zuordnung der Human-Ressourcen zu Führungskräften ist damit hinfällig, letztlich ist über das Arbeitspaket definiert, was zu leisten ist. Es wird eine Führungsspanne von „0“ angestrebt. Der Begriff „Arbeitnehmer“ wird fortan nicht mehr genutzt, konsequenterweise ist auch eine „Arbeitnehmervertretung“ obsolet.
  6. Jegliche Hardware und sonstige in Nutzung befindliche Ausstattung ist binnen 48 Stunden zurückzuschicken. Basierend auf früheren BYOD-Konzepten, wird eine UYOD-Device-Policy eingeführt. Mitarbeitende, die künftig Arbeitspakete downloaden wollen, nutzen nur noch eigene Hardware.

Nach den ersten 6 Kernpunkten schweifen Noahs Gedanken ab. Der CEO spricht zwar weiterhin, unterstreicht seine Nachrichten mit großer Gestik. Aber Noah hört nicht mehr wirklich zu.

„ …und deshalb sind wir überzeugt, dass wir mit diesen Maßnahmen die Weichen für die Zukunft des Unternehmens gestellt haben und laden sie ein, uns dabei zu begleiten. Eine „Almost Manless Company“ bringt zwar auch einige Herausforderungen mit sich, aber Börsenanalysten bestätigen uns für diesen Weg“.

Gong. „Ende der Nachricht.“

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15) New Work – Teil 6

Fortsetzung …

Gong: „Guten Morgen Noah, es ist 5:30 Uhr“, klingt es aus der Zimmerdecke und beginnt sofort mit dem täglichen Briefing.

„Dein Meeting um 7:00 Uhr wurde abgesagt, das nächste ist für 08:00 Uhr geplant. Die frei gewordene Zeit ist dir als persönliche „reflection time“ zugeordnet worden. Man bittet um sofortige Umsetzung dieser Maßnahme. Weitere Instruktionen folgen um 7:45 Uhr.“

Noch etwas überrascht über diese Ansage, liegt er auf seiner Schlafmatte vor seinem Arbeitsplatz und reibt sich die Augen. Er beschließt, etwas liegen zu bleiben und über die letzten Wochen nachzudenken. Für ihn persönlich hat sich ja eigentlich in dieser ganzen Corona-Zeit nicht viel verändert. Zumindest was die Arbeit angeht. Die vielen Holo-Cons, die vollgepackten Tage, all das war vorher schon an der Tagesordnung.

Ein paar Veränderung gab es aber schon, resümierte er:

  • Zunächst das permanente Klopfen dieser Drohnen an der Fensterscheibe, die zweimal am Tag die Arbeitnehmer um einen Corona-Test baten. Es galt das Fenster zu öffnen und den Mund weit zu öffnen. Die Drohne flog in den Rachenraum, nahm einen Abstrich vor und verschwand wieder. Da war ihm sehr unangenehm, so als hätte er einen Käfer verschluckt.
  • Als es dann durch einen Softwarefehler zu unverhältnismäßig vielen Abstürzen dieser Drohnen kam, wurden die Postboten des Versandhandels in die Testung eingebunden. Denn die waren schließlich eh permanent in den Häusern unterwegs. Es war schon vor Corona störend, wenn ständig jemand an der Tür klingelte, um Pakete bei ihm abzugeben. Aber nun, baten sie ihn auch noch, jedes Mal den Mund zu öffnen, um einen Abstrich vorzunehmen. Das war nicht ganz einfach mit den Konferenzgesprächen via Holo-Con.
  • Die Holo-Cons haben sich nicht wesentlich verändert. Wechselweise erschienen verschiedene Kollegen aus aller Welt in seiner Micro-Flat und besprachen mit ihm die Dinge, die zu besprechen waren. Allerdings erwartete sein Arbeitgeber das Tragen eines Mundschutz, alleine aus Respekt gegenüber den Nationen, bei denen die Infektionen immer noch anstiegen.
  • In seinem Team kamen neue Meeting-Formate auf. „Virtual Coffee Breaks„ und „Tele-Lunchs“ wurden anberaumt, um die Kollegen vernetzt zu halten und etwas Small Talk unter ihn zu fördern. Ein paar Mal war er anwesend, dann schwänzte er immer häufiger. Er hatte keine Lust mehr, die Töpfe seiner Kollegen klappern zu hören und schon gar nicht, sie in Jogging-Hose beim Mittag zu sehen.
  • Die IT-Abteilung sensibilisierte anfänglich noch, des Überspringen des Virus von Mensch auf Computer unbedingt zu vermeiden. Dies stelle ein großes Risiko für die IT Infrastruktur dar, hieß es. Mittlerweile hatte man diese Angst relativiert. Ja man fordert sogar dazu auf, diesen Virus endlich zu digitalisieren, dann könnte man ihn wenigstens mit den herkömmlichen Mitteln bekämpfen.

Gong: „Noah, es ist 07:45 Uhr. Hier nun das Briefing für das anstehende Meeting.“

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99) Corona statt Nelke

Die Veranstaltungen um den Mai-Feiertag haben sich stark gewandelt. Und nur weil in China jemand von der Fledermaus naschen wollte, wird Corona auch diesen Feiertag disruptiv verändern.

In der DDR wurde zur Teilnahme an der zentralen Demo aufgefordert. Mit roter Plastik-Nelke am Revers und Winkelement in der Hand, stand man sich mit den Eltern und deren Kollegen am Sammelplatz die Beine in den Bauch. Irgendwann setzte sich der Zug dann endlich in Bewegung. Tausende Menschen, Enge, Körper-Kontakt, politische Parolen und Lieder, die den Grau-Köpfen des Politbüros kurz vor dem Alexanderplatz aus müden Kehlen entgegengerufen wurden. Zum Ende der Veranstaltung stand man Schlange, um eine pappige Grilletta (Hamburger des Ostens) zu ergattern oder vielleicht auch mal ein Fischbrötchen. Da musste man aber schon sehr viel Glück haben oder jemanden kennen. (Für die jüngere Generation: Das ist ungefähr so, als wenn ihr heutzutage Klo-Papier besorgen wollt und etwas von der Post abholen müsst.)

Eine staatlich verordnete Groß-Demonstration … heute kaum denkbar. Der „Honi“ Honecker und seine blauhaarige Margot, der kleine dicke Axen, der greise Willi Stoph und der weißhaarige Günther dessen Nachname immer Appetit machte, würden heute alle zur Risiko-Gruppe zählen und für immer in Wandlitz eingeschlossen werden. Auch wenn die DDR damals schon sehr vorbildlich Corona-Maßnahmen umgesetzt hatte (Grenzschließung, Reise-, Versammlungsverbot etc), wäre sie doch spätestens jetzt untergegangen. Das beruhigt doch irgendwie.

Aber auch bei den Mai-Krawallen in den 90-er Jahren war man schon sehr auf die Durchbrechung von Infektionsketten sensibilisiert. Die Demonstranten trugen bereits Mundschutz und warfen Flaschen mit desinfizierenden Flüssigkeiten. Die Polizei war auch im Vollschutz angetreten, gepanzert, mit Visier vor Mund und Nase und sogar mit einem Plexiglas-Schild. (Also so wie im Supermarkt heute.) Beide Lager hielten sich tagelang auf Abstand. Zum regelmäßigen Händewaschen warf die Polizei frisches Wasser über den Demonstranten ab. Virologen würden heute allerdings zu warmem, statt dem damaligem kalten Wasser raten. Und da das Berliner Wasser bekanntermaßen sehr hart ist, sollte man eher Wasser aus den Alpen verwenden. Aber das ist auch nicht mehr ganz so einfach zu beschaffen dieser Tage.

Dieser 1. Mai 2020 wird anders werden. Keine Feste, keine Demos, keine Steine. Stattdessen verlagert der Deutsche Gewerkschaftsbund seine Veranstaltungen komplett ins Internet. Es soll nicht gearbeitet werden und Millionen Arbeitnehmer arbeiten an diesem Tag heimlich, weil sie keinen Bock auf Netflix haben oder Herz-Lungen-Wiederbelebung für ihre Firmen und Geschäfte leisten.

In diesem Sinne … einen schönen Feiertag!

97) Corona-Lektionen 19

Bevor wir in die siebte Family-Homeoffice-Woche starten und uns daran gewöhnen müssen, Stoff-Stücke vor der Schnauze tragen, will ich noch ein paar Gedanken-Gänge vom Wochenende teilen.

Generation: Gerne geben wir den Generationen Namen, den letzten wurden nur noch Buchstaben aufgedrückt. X und die Y und die Z. Das blöde an den Buchstaben ist, dass man häufig ins Schlingern kommt, wer was ist und was diese Generation eigentlich ausmacht. Ich bin mir sicher, dass es eine Generation „Corona“ geben wird. Was wird die ausmachen? Es wird die Generation der Stubenhocker, der Home Workers, der sozial distanzierten sein. Gleich bei Geburt werden die Kinder lernen, dass auf diesem Planeten nicht nur die Geburtshelfer Mundschutz tragen, sondern auch Mama und Papa. Nur blumiger. Omma und Oppa werden sie erst einmal nur per Video kennenlernen.

Gesundheit: Viele heilige Kühe aus der Arbeitsgesetzgebung wurden in den letzten Wochen geschlachtet. Menschen arbeiten dauerhaft von zu Hause. Arbeit und Privatleben fließen ineinander über. Arbeitnehmer generieren massiv Überstunden, arbeiten bevor die Kids wach werden und nachdem sie wieder im Bett sind. Sie sitzen wochenlang auf klapprigen Küchenstühlen, vor viel zu kleinen Bildschirmen und schicken Daten über schwach geschützte Leitungen. Den Arbeitssicherheitsbeauftragten, Datenschützern, Betriebsräten, Betriebsärzten und Betriebspsychologen kräuseln sich die Fußnägel. Ich bin gespannt wie das wieder in „normale“ Verhältnisse zurückgeführt wird. Vielleicht bleibt es auch einfach so.

Konflikte: Wirtschaft, Sport und Tourismus drängeln kräftig und verlangen weitere Lockerungen. Letztlich geht es dort ums liebe Geld, um deren „Überleben“. Aber es werden auch andere Stimmen laut. Neben den wirtschaftlichen Interessen, darf nicht vergessen werden, dass die Arbeit von Vereinen, Hilfs-und Beratungsstellen, Religionen und Politischen Gruppen immer noch massiv eingeschränkt ist. Wenn 100 Menschen gemeinsam einen Baumarkt betreten dürfen, ist es nur schwer verständlich, dass z.B. Demonstrationen nur bis 20 Teilnehmern möglich sind und das Selbsthilfe-Café und die Familienberatung um die Ecke seit Wochen geschlossen sind. Da droht neues Unheil.

Ich möchte euch einen Beitrag vorstellen, der bereits bunt kommentiert wurde. 

https://mutter-und-sohn.blog/2020/04/24/die-psychologie-der-maske-deutschland-und-die-maskenpflicht/

Ich bin bestimmt kein Drängler, aber ich denke auch, hier muss mehr geöffnet werden. Mit Abstand und Mundschutz sollte es doch möglich sein. Raum dafür gibt es genug. Große Plätze, Stadien, Hallen und Hotels sind ungenutzt. 

Gesellschaft besteht nicht nur aus Balkon-Pflanzen und subventionierten Neuwagen!

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8) New Work – Teil 5

Fortsetzung …

„Ende der Konferenz einleiten!“, kann er am Rand seiner Holo-Con-Brille lesen. Schon knapp 90 Minuten spricht er bereits mit den Mexikanern, die vor ihm in seinem Zimmer schweben.

Er bringt das Gespräch zu Ende, die Kollegen lösen sich in Luft aus und er nimmt die Brille ab. Ihm grummelt es im Magen. Normalerweise rollt um 18:00 Uhr die Thermophore in seine Wohnung und versorgt ihn mit exakt 400 kcal für den Abend.

Gong. „Noah, dein Business-Dinner wurde vertagt, zur Sicherstellung der Performance, bitte ersatzweise zwei Dosen Perpetuol 2000 einnehmen“, klingt es aus der Zimmerdecke. Er kippt die blaue Flüssigkeit hinunter. Sie ist nicht besonders schmackhaft, aber es ist ein wahres Wunderzeug. Schießt es doch schlagartig Energie in Hirn, Augen und Hände. Die drei wichtigsten Organe der Human-Ressourcen seiner Klasse.

Gong. „Noah, es ist 18:30 Uhr, dein niedriger Social-Networking-Score erreicht in Kürze Melde-Pflicht“. Er hat sich da bereits zwei Tage nicht blicken lassen und müsste wieder etwas aufholen, um ein weiteres Sensibilisierungs-Training zu vermeiden. Also wählt er sich im Social Network der Firma ein und „liked“ und „praised“ wahllos umher. Es ödet ihn so an. Nach dem er auf diese Weise ein paar positive Spuren in der Firma hinterlassen hat, wechselt er zu den anderen Karriere-Netzwerken im Internet. Hier wird etwas mehr Teilnahme erwartet. Der Arbeitgeber erwartet aktive Mitwirkung und positive Kommentare. Also schreibt er fleißig „Great!“ oder „Congrats“ oder „proud2be“ unter nicht gelesene Beiträge.

Bis zum letzten Meeting des Tages hat er noch 13 Minuten Zeit. Keine Stimme aus der Decke, keine neuen Anweisungen. Stille. Noah erhebt sich, geht zum Fenster, schaut auf die Häuserzeilen seines Viertels und wälzt einen gut bekannten Gedanken. Soll‘s das sein? Will er ewig so weiter machen? Aber welche Optionen gibt es denn? Um sich von seinem Arbeitgeber zu lösen, müsste er eine beachtliche Kaution zurückzahlen und auch die Micro-Flat abgeben. Und selbst wenn? Was soll er dann machen? Viele der Jobs, für die er qualifiziert wäre, gibt es seit Jahren nicht mehr. Auftrieb haben aktuell nur Altenpfleger, Grundschullehrer und Psychiater, alles nichts für ihn.

Gong. „Noah, das Meeting 19:00 Uhr beginnt in wenigen Minuten. Das Dossier liegt zum Download bereit“. Er überfliegt es kurz. Es geht um die USA. Die sind zwar etwas nervig, aber wenigstens wissen sie was sie wollen. Und schon erscheinen die Amerikaner in seinem Zimmer. Nach kurzem Smalltalk kommen sie sofort zur Sache, platzieren ihre Forderungen und versuchen Noah mit einem „Deal“ festzunageln. Er gibt sich geschlagen, er kann nicht mehr. Er überlegt, ob die Ami’s nur deshalb zur Wirtschaftsmacht wurden, weil die Verhandlungspartner in Europa bereits müde sind, wenn sie mit ihnen verhandeln. Das Meeting geht zügig vorüber und die Cowboys verschwinden wieder aus seinem Zimmer.

Gong. „Noah, es ist 19:23 Uhr, die vertraglich vereinbarte Arbeitszeit ist für heute abgeleistet“. Er seufzt erleichtert. Um etwas Privatsphäre zu haben, schickt er seinen Computer und das Holo-Con-System in den Stand By. Eine Abschaltvorrichtung gibt es nicht. Er nimmt den Fitness-Belt ab und legt sich auf seine Schlafmatte.

Gong. „Noah, es ist 19:30 Uhr, die Flex-Time beginnt, Nachtruhe wird ab 22:00 Uhr eingeleitet. Ausgewählte Artikel aus der Fachpresse, Best-Practice-Berichte und Benchmark-Studien liegen zum Download bereit. Schönen Feierabend.“

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7) New Work – Teil 4

Fortsetzung …

Gong. „Noah, Deine Entscheidung bitte“, spricht die Stimme wieder fordernd aus der Zimmerdecke. Noah schaut seit zwei Minuten auf die beiden Buttons, die vor ihm im Raum schweben. Unentschlossen. Er weiß nicht wie er sich entscheiden soll.

  • JA, einverstanden (5 Punkte Gutschrift in „Flexibilität“)
  • NEIN, abgelehnt (50 Punkte Abzug in „Passion“)

Eigentlich hat er wenig Lust auf ein weiteres Meeting um 19:00 Uhr, hatte er doch heute seine erste Holo-Con bereits um 06:30 Uhr mit den beiden Australiern. Fünf Punkte mehr, würden aber seinem Social-Credit-Konto ganz guttun. Er steht kurz davor, sich einen weiteren Urlaubstag erarbeitet zu haben. Zusätzlich zu seinen vertraglich vereinbarten zehn Tagen pro Jahr. 50 Punkte Abzug würden ihn weit zurückwerfen. Also tippt er auf „JA, einverstanden“. Die Buttons verschwinden und geben wieder die schwebenden Diagramme und Kurven frei, die seine Performance vom Vormittag zeigen.

Für das nächste Meeting mit Brasilien startet er wieder das Holo-Con-System. Zwei Minuten vor Konferenz-Beginn 16:00 Uhr erhält er wie üblich sein Briefing, verschafft sich einen Überblick und spielt erste Ideen durch, wie er das Problem lösen kann. Doch irgendwie erscheinen heute keine Brasilianer in seinem Zimmer. Hatte man sich im Termin vertan? Das kann nicht sein. Die Stimme in der Decke macht keine Fehler. Er wartet fünf Minuten, aber es geschieht nichts. Gong. „Meeting abbrechen, Meeting abbrechen. Ineffiziente Nutzung der Arbeitszeit. Alternative wird erarbeitet, bitte warten“. Noah hatte sich bereits auf eine halbe Stunde ohne Termine gefreut, aber daraus wird nun wohl nichts.

Gong. „Noah, meine Analyse zeigt, dass du mit der monatlichen Mitarbeiter-Befragung überfällig bist. Man bittet um sofortige Teilnahme.“ Er hasst diese Fragebögen wie die Pest. Jeden Monat nerven sie ihn damit. Immer wieder dieselben Fragen. Wie zufrieden man denn mit dem Arbeitgeber ist. Ob man denn zu den Werten und Prinzipien des Unternehmens steht. Wie engagiert man sich fühlt oder wie offen gegenüber neuen Entwicklungen. Ja / Nein-Buttons wechseln sich mit Schiebereglern für Prozent-Werte ab. Wie hat er sich nur letzten Monat bewertet? Zu deutliche Abweichungen führen zu Rückfragen und Abzug in Gründlichkeit. Am Bildschirmrand ist der Kontostand des Social Credit Programs eingeblendet. Mit jedem Klick in diesem Self-Assessment verändert sich die Zahl. Mal geht es rauf, mal runter.

Gong. „Noah, bitte Vorgang abschließen, in zwei Minuten beginnt das Meeting mit Mexiko. Das Dossier liegt zum Download bereit“. Oh, nein bitte nicht, denkt sich Noah. Das wird wieder anstrengend. Seit Monaten ist er mit ihnen zu Gange. Die Verständigung ist mühsam. Viel schlimmer findet er aber, dass die vereinbarten Aufgaben dort nicht abgearbeitet werden, denn das führt zu Abzügen in seiner „Umsetzungsstärke“. Gong. „Noah, es kommt eine neue Software zum Einsatz. Sie wird die mündlichen Aussagen der Teilnehmer real time in ihrer arbeitskulturellen Bedeutung übersetzen“. Na großartig. Ein paar Mexikaner erscheinen im Zimmer und schweben durch die Luft. Wie schon so oft, bestätigen sie, dass sie die Aufgaben bis zum nächsten Meeting erledigen werden. Die Software in seiner Brille übersetzt dabei synchron. „Bis zum nächsten Meeting schon?. Mal sehen. Erst mal den heutigen Tag abwarten und dann sehen wir weiter.

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61) Laubsauger

Noch ein Beitrag zum Herbst, bevor der nun bald wieder vorbei ist und wir direkt in den Frühling übergehen und wieder angrillen können!

Schon vor Jahren waren die ersten Laubbläser in Straßen und Parks zu sehen. Orange gekleidete Männer der Stadtreinigung trugen diese Ungetüme von der Schulter baumelnd, bliesen Laub von links nach rechts und dabei ausreichend CO2 in die Luft. Sie sahen aus wie Außerirdische und fabrizierten einen Höllen-Lärm. All der Dreck wird dabei auf die Straße gepustet, dann kommt ein LKW mit großen Bürsten und sammelt alles auf. Klassische Straßenfeger sieht man nun immer seltener. Hälfte Personal, doppelt Laub. Faktor 4. Stadtkämmerer happy!

Im Stadtpark sehe ich nun immer häufiger Autos, die das Laub gar nicht mehr nur durch die Gegend blasen, sondern direkt von der Wiese absaugen. Klingt im ersten Moment logisch, oder?

Aber umso mehr ich das wilde Treiben … äh Saugen … beobachte … frage ich mich:

  • Ist das so gut, wenn Laub, Insekten, Mikro-Teilchen und anderes Gewimmel regelmäßig „aufgenommen“ und der „Entsorgung zugeführt“ werden? Nun bin ich ja wahrlich kein Botaniker und schon gar kein Mikro-Biologe. Weiß das jemand?
  • Fahren die Dinger bald autonom durch die Gegend und dann permanent zwischen unseren Füßen herum? Und wäre es daher nicht sogar besser, man würde das Gelände komplett ebnen? Oder ist das gar nicht nötig, weil die Blätter sowieso irgendwann von Mini-Drohnen abgesammelt werden?
  • Und was ist mit den Menschen, die das bislang taten? Das war doch eine ehrliche Arbeit. Will die keiner mehr machen und deshalb erfinden wir die Roboter? Oder bekommt die Jobs keiner mehr angeboten, weil Roboter die Arbeit viel besser erledigen? Henne? Ei?

Und überhaupt. Wir sollten alle Bäume und Sträucher im Park roden und danach alles fliesen! Dann kann man dann noch `nen Wisch-Roboter hinterherschicken.

6) New Work – Teil 3

Fortsetzung …

Gong. „Noah, ich übertrage das Dossier für die anstehende Holo-Con mit Australien auf deine Brille“, spricht die Frauenstimme aus der Zimmerdecke. 

„Meine Analyse zeigt, dass die letzten Konferenzen mit Australien durchschnittlich nur 20 Minuten statt der 30 geplanten Minuten dauerten. Das System empfiehlt daher eine Optimierung deiner Moderation um weitere 5 Arbeitsminuten. Diese freigewordenen 15 Minuten sind bereits an Japan zugesagt. Direkt im Anschluss. Briefing negativ.“

Pünktlich 06:29 Uhr startet die Holo-Con-Software und kündigt mit einem Count Down von 3 auf 1 die anstehende Konferenz an. Während die Thermophore aus der Micro-Flat rollt, baut das Holografie-Conference-System die zwei Australischen Kollegen vor ihm auf. Gleichzeitig projiziert das System einen bestuhlten Meeting-Raum mit Whiteboard und Pflanze in dem Raum hinter ihm und versperrt damit den Blick auf seine Schlafmatte auf der Erde. Frisch frisiert und rasiert begrüßt er seine Partner in Down Under.

„G‘ Day, Ha ye goin?“, liest er von seiner Brille mit Australischem Slang ab und bekommt dafür 10 Kultur-Punkte auf seinem Social-Credit-Konto gutgeschrieben.

Wie zwei Geister aus der Flasche schweben die beiden Australier durch sein Zimmer und berichten von ihrem Problem. Noah geht ein paar Lösungsideen durch und macht entsprechende Vorschläge. Um so weiter die Zeit voranschreitet, um so deutlicher zeichnet sich der integrierte Moderations-Coach der Holo-Con-Software auf seinem Brillenglas ab. Der Avatar auf dem Brillenglas hebt den rechten Zeigefinger und deutet auf einen kleinen Text über ihm „Ziel: 15 Minuten!“

Nach 17 Minuten hat Noah das Gespräch beendet und ist sehr zufrieden mit seiner Leistung. Kaum haben sich die virtuellen Australier aus seinem Zimmer verflüchtigt, zählt ein neuer Count Down herunter und die Holo-Con-Software baut ein paar Japaner vor ihm auf. Ohne Briefing. Er muss also improvisieren. Er steht auf, faltete die Hände und sagt „Namast…“ äh „Sawadik…“ öhm „Ni Ha… “ ähm „Hey Guys!“.

Die Brille informiert: „Minus 10 Punkte für falsche Begrüßung und 10 weitere Punkte Abzug für Unpünktlichkeit“. Im Großen und Ganzen zeigen sich die Asiaten aber sehr zufrieden und fordern ein regelmäßiges Meeting mit Noah ein. Der Vormittag verflog nur so.

Gong: „Noah, es ist 12:30 Uhr. Dein E-Lunch wartet an der Tür.“ Wie schon beim Frühstück, lässt er die nächste rollende Thermophore ins Zimmer fahren und isst direkt aus ihr. Während des Essens projiziert die Holo-Con-Software verschiedene KPIs und Diagramme in den Raum, die Noahs Performance am Vormittag bewerten. „Verbindlichkeit, Kompetenz, Culture, Flexibilität, Passion“ … und so weiter.

Gong: „Noah, es ist 12:45 Uhr. Dein E-Lunch ist beendet. Eine Änderung der Termine am Nachmittag ergab Bedarf an einer zusätzlichen Holo-Con heute Abend 19:00 Uhr. Meeting wird kurzfristig zugewiesen, stand by erwartet. Bitte bestätige über die folgenden Schaltflächen.“

  • JA, einverstanden (5 Punkte Gutschrift in „Flexibilität“)
  • NEIN, abgelehnt (50 Punkte Abzug in „Passion“)

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