Wenn man die Sprache der Mehrheit nicht versteht, kann man sich schnell ausgeschlossen fühlen. Könnte man meinen. Aber ich kann das auch sehr genießen.
Auf meiner fünfwöchigen Reise durch Nordpolen und das Baltikum war ich oft in genau dieser Situation. Ein paar Wortfetzen verstand ich hier und da, dank urzeitlichen Russischunterrichts. Beschriftungen dagegen sind deutlich einfacher zu entziffern, denn vieles ergibt sich aus dem Kontext und den uns vertrauten Buchstabenfolgen wie zum Beispiel in Muzejs, Informācija, Restorāns, Kafejnīca, Apteek.
Bei Beobachtungen ist es ähnlich. Wenn einem Mädchen die Eiskugel auf den Gehweg klatscht, bin ich ziemlich sicher zu wissen, worüber sie gerade jammert. Genauso, wenn dem Bruder das Fischbrötchen von einer Möwe geklaut wird. Da muss ich die Sprache nicht verstehen.
Aber es ist auch herrlich, mal nichts zu verstehen. All die Passanten, all die Einheimischen, die sich durch die Städte bewegen. Ich höre zwar ein lebhaftes Geplapper, einen Klangteppich aus Stimmen, aber nichts davon muss mich beschäftigen. Ich muss mir nicht anhören, dass bei einem Ehepaar der Haussegen schief hängt. Auch nicht, dass der Jānis sich endlich die Schuhe binden soll oder dass die kleine Lėja nicht mehr laufen kann.
Es kann mir völlig egal sein, ich verstehe nichts und schwebe mit offenen Ohren durch die Stadt.
Am schlimmsten ist es allerdings, wenn man dann derart „ungeschützt“ auf deutschsprachige Reisende trifft.
Tipp: Sucht euch ein Reiseland, in dem ihr die Buchstaben noch lesen könnt, aber trotzdem kaum etwas versteht. Herrlich.
PS: Titelbild via KI
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Kann ich total nachvollziehen.
Trotzdem ging mir eine ähnliche Situation in einem ganz anderen Zusammenhang durch den Kopf: Sagen wir mal, Berlin, Alexanderplatz, kann aber auch genauso gut der Marktplatz in Minden sein. Eine Gruppe „fremd“ (also nicht mittel- oder nordeuropäischer Durchschnitt) aussehender Menschen steht dort und debattiert in einer gutturalen Sprache, unter Zuhilfenahme von ausholenden Gesten. Die Emotionen scheinen hochzukochen. Jemand blickt zu dir oder mir herüber, anscheinend ein finsterer Blick.
Es ist durchaus möglich, dass sich diese Gruppe Menschen einfach nur kollektiv darüber aufregt, dass der ÖPNV mal wieder nicht so funktioniert, dass alle pünktlich zu Schule, Arbeit oder Reisezielen gelangen. Oder die Preise beim Bäcker in immer schwindeligere Höhen steigen. Aber wir, du und ich, verstehen es nicht. Die Gesten und Blicke scheinen uns zu treffen. Bedrohlich. Weil wir nicht verstehen, worum es geht und weil wir eine unterschwellige Angst verspüren, es könnte über uns geredet werden. Und wenn ja, was? Will uns jemand etwas antun? Wird da ein Attentat geplant?
Unsicherheit und Unverständnis können also, wie von dir beschrieben, zu Gelassenheit und einem entspannten „geht mich alles nichts an“ führen – oder genau zum Gegenteil.
Diese Diskrepanz finde ich total spannend.
Absolut Annuschka, als ich in Vilnius ein Warnmeldung über Cell Broadcasting über Gefahr aus der Luft erhielt und diese dann aber nur in litauisch war, ging es mir ganz ähnlich
Das Gefühl kenne ich. Solche Situationen kann ich auch sehr genießen! Nichts als Musik in meinen Ohren 😎.
Heute in der Ringbahn war es plötzlich vorbei … und ich musste wieder alles verstehen
😁