92) Hatz, Hast und Hetze

Über Hass und Hetze wird viel geschrieben. Zurecht, denn da gibt es ein paar sehr gefährliche Entwicklungen. Aber heute will ich mal über Hatz, Hast und Hetze in Berlin schreiben.

Denn gerade wenn man nach längerer Zeit wieder zurück nach Berlin kommt, merkt man sofort, wie scheinbar irre hier doch alle sind.

Hat man sich im Ausland irgendwann damit abgefunden oder sogar angefreundet, mit 90 km/h unterwegs zu sein, hat man das Laissez-faire und eine gewisse Langsamkeit genossen, ist das spätestens mit dem Überfahren der Berliner Stadtgrenze vorbei.

Man fragt sich unweigerlich: Habe ich vielleicht die Benimmregeln am Ortseingangsschild übersehen?

 

Achtung, Sie betreten den Sektor Berlin.

Ab sofort eilen Sie mit Tunnelblick durch die Straßen. Schauen Sie dabei möglichst griesgrämig drein und/oder auf Ihr Handy.

Gehen Sie bloß nicht zu langsam. Die Richtgeschwindigkeit beträgt mindestens 20 Prozent über normal.

Blockierte Rolltreppen dürfen ausdrücklich mit Schnaufen, Augenrollen oder der Aufforderung „Ick hab ja Zeit“ geräumt werden. Im Zweifel quetschen Sie sich einfach vorbei. Ob dabei jemand vornüberkippt, ist zweitrangig.

Sollten Sie irgendwo warten müssen, machen Sie durch hektisches Schauen, Seufzen und demonstratives Kontrollieren der Uhr deutlich, dass Ihre Zeit wertvoller ist als die aller anderen Herumirrenden.

Wird im Supermarkt zögerlich eine zweite Kasse aufgerufen, verlassen Sie unverzüglich die bisherige Schlange und arbeiten sich in Wayne-Rooney-Manier durch das Mittelfeld nach vorn zum Ziel. Wer zuerst an der neuen Kasse steht, hat gewonnen.

Erwachsene Radfahrerinnen und Radfahrer sind gehalten, bevorzugt die Fußwege zu nutzen. Das verschafft einen zeitlichen Vorteil und schont auf dem vorkriegszeitlichen Berliner Straßenpflaster Fahrrad, Handgelenke und unteren Rücken.

Ampelsignale sind ab sofort weitgehend irrelevant, bestenfalls Empfehlungen. Auch wenn Kinder am Straßenrand stehen, müssen Sie selbstverständlich kein Vorbild sein.

Wenn eine Bahn das Abfahrtssignal gibt, werfen Sie sich mit aller Kraft gegen die Türen. Blockieren Sie diese mit Rucksäcken, Taschen oder allem anderen, was Sie gerade dabeihaben. Sie haben schließlich einen Anspruch auf genau diese Bahn.

Sollte die Bahn trotzdem abfahren, hämmern Sie wütend gegen die Türen, spucken Sie gegen die Scheiben und flippen Sie ruhig ein wenig aus.

Nimmt Ihnen jemand die Vorfahrt, steigen Sie aus, gehen Sie zum Fenster des anderen und drohen Sie ihm Prügel an. Vergessen Sie dabei bitte nicht, ordentlich zu blöken. Schließlich müssen auch alle anderen Verkehrsteilnehmer und Anwohner erfahren, dass Ihnen gerade Unrecht widerfahren ist.

Und sollten Sie dieses Schild übersehen haben: Keine Sorge.

Es ist ansteckend. Sie werden sehen.

Willkommen in Berlin.

 

PS: Titelbild via KI

62) Jahresendhektik

Sagt mal, bin ich der Einzige, der die so ach so besinnliche Vorweihnachtszeit eher mega-hektisch empfindet? Warum herrscht im letzten Monat des Jahres eigentlich so viel Hast statt Rast?

Woran kann das liegen?

  • Sind es die Feiertage und Ferien, die aus den sonst 22 Arbeitstagen auf einmal nur 15 machen?
  • Sind es Kollegen, die das ganze Jahr über vertrödeln und dann zum Jahresende noch was reissen wollen?
  • Sind es die wenigen Stunden Tageslicht, die mit so vielen „Tasks“ und „Challenges“ vollgestopft werden?
  • Sind es mir unbekannte Zielvereinbarungen, die so manch einer mit dem lieben Gott oder Weihnachtsmann zu haben scheint?
  • Sind es die überlebenswichtigen Werke Händels, die Geschichte der Faustkeile oder die Süßwasser-Polypen, über die die Kinder noch Klassenarbeiten schreiben?
  • Sind es unsere Vorsätze für 2019, von denen wir wenigstens noch einen umsetzen wollen, bevor wir den Rest geschlossen mit ins neue Jahr nehmen?
  • Sind es Geburtstags-oder Weihnachtsfeiern oder das ewig verschleppte Treffen mit dem Schul-Kumpel, dass nun unbedingt noch im alten Jahr „erledigt“ werden muss?
  • Sind es Erinnerungen an Mangel, die uns frühzeitig in die Geschäfte treiben, um den Lieben statt Gans oder Ente letztlich nicht noch falschen Hasen zu kredenzen?
  • Sind es Rituale, Medien, Marketing, Musik-Titel oder andere Gehirnwäschen, die uns seit Wochen eine heile Weihnachtszeit vorgaukeln und so viel Last und Bedeutung auf diese drei verdammten Tage legen?

Vermutlich all das, macht aus Besinnlichkeit Betriebsamkeit

So jetzt muss ich aber Schluss machen, hab‘ noch was zu tun 😉