116) Macht‘s doch selber!

In der zweiten Hälfte der 90er Jahre war ich mehrere Male in Folge auf der CeBIT in Hannover, damals eine der weltweit größten Messen für Informationstechnik.

Schon damals wurden dort die ersten „Selfservice-Kassen“ für den „Point of Sale“ ausgestellt. Zu Deutsch: für den Handel.

Über 25 Jahre hat es dann gedauert, bis diese Dinger in unserem Alltag angekommen sind.

Angefangen hat es in Deutschland bei der großen Sportartikel-Kette, dann beim schwedischen Möbelhaus mit den Bouletten in brauner Sauce. Und nun sind die Supermärkte dran. 

Auf meiner Reise durchs Baltikum gab es fast nur noch Selfservice-Kassen. In praktisch jedem mittelgroßen Supermarkt habe ich sie gesehen. Vielleicht noch ein, zwei klassische Kassen mit Förderband und menschlicher Kraft, die nebenbei auch die Selfservice-Kassen beobachten und einschreiten müssen, wenn mal wieder jemand nicht weiterkommt.

Ein vertüdelter Rentner zum Beispiel.

Oder ich.

Für eine Handvoll Produkte ist das ja ganz nett. Und tatsächlich auch schneller.

Aber bei meinem Wochenendeinkauf habe ich wirklich keine Lust, auch noch selbst zu kassieren.

Das ganze Zeug aus dem Korb nehmen, über den Scanner ziehen, auf die Waage legen, wieder in den Korb und anschließend ins Auto. Und am Ende steht das Bier auf den Tomaten.

Ich will das nicht.

Macht das doch bitte selber!

Und ich frage mich, was da wohl noch kommt:

  • Soll ich demnächst die Produkte beim Großhandel abholen, sie im Supermarkt ins Regal stellen, damit ich sie anschließend wieder rausnehmen darf.
  • Soll ich mich noch hinter die Fleischtheke stellen und Bierschinken oder die vegane Wurst schneiden? Oder gar die Frau Antje aus Holland spielen?
  • Soll ich auch noch den Backautomaten bedienen, bevor ich mir die warmen Brötchen mit der Zange in meinen Plastikbeutel stecke?

Selfservice ist ja schön und gut.

Aber irgendwann ist auch mal Schluss.

Ich möchte eigentlich nur einkaufen und nicht anderer Menschen Arbeit machen …

PS: Titelbild via KI

 

115) Irgendwas mit Dinkel

Alle paar Monate sitzen an der Supermarkt-Kasse auf einmal andere Menschen, meistens junge Leute, die offensichtlich gerade erst angefangen haben. Das erkenne ich an ihren Bewegungen, den Abläufen die noch nicht ganz rund laufen. Damit kann ich leben, jeder hat mal irgendwo angefangen, nach ein paar Tagen läufts schon besser.

Was ich aber überhaupt nicht abkann ist, dass sie verwundert in meine Brötchentüte gucken und mich dann fragen, was das ist.

Er: Die habe ich ja noch nie gesehen, wissen Sie wie die heißen?
Ich: Nein tut mir leid, das ist mir auch herzlich egal.
Mein Güte, früher gab‘s „Schrippe“ oder „Doppelte“ oder „vom Vortag“. Ihr macht das doch so kompliziert …nicht ich.

Er: Mhm …
Ich: Irgendwas mit Dinkel … oben links im Regal.
Gleich neben den anderen, deren Name ich auch nicht weiß.

Er: Wissen Sie zufällig den Preis?
Ich: Nein, auch den weiß ich nicht.
Ihr ändert den sowieso andauernd.

Hinter mir bildet sich bereits eine nervöse Schlange an Menschen. Der neue Mitarbeiter erhebt sich aus dem Stuhl, geht rüber in die Gemüseabteilung und fragt den Chef, aber auch der kann nicht helfen.

Also tappert der Kassierer bis ins hintere Ende des Supermarkts und macht sich auf die Suche, nach dem Namen meines EINEN Brötchens.

Er watschelt zurück, setzt sich wieder und tippt schweigend in die Kasse.

Ich: Und, wie heißt es nun?
Er: Bio-Dinkel-Krüstchen
Ich: Aha
Aber, glaub‘ mal nicht, dass ich mir das merke.

Den Hinweis, dass ich schon mehrfach vorgeschlagen habe, doch mal vorn im Kassenbereich ein paar Bilder der Backwaren auszuhängen, schlucke ich runter. Bringt nix.

Ich gehe nach Hause und esse jetzt mein …

wie hieß es doch gleich? 

Irgendwas mit Dinkel … oben links im Regal.

PS 1: ich könnte es mir auf den Unterarm tätowieren lassen

PS 2: Titelbild via KI

750) Straße voll Hummus?

Auch wenn einem bei den aktuellen Entwicklungen im Nahen Osten der Kopf schüttelt … oder schleudert … , hat das Ganze zumindest einen positiven Nebeneffekt: Die westliche Öffentlichkeit hat drei Dinge gelernt.

1. Hormus ist kein kichererbsenbasierter Brotaufstrich und auch keine Beilage zum ansonsten sehr leckeren Shawarma-Teller beim Syrer des Vertrauens.

2. Es gibt eine weitere Engstelle auf den Gewässern dieser blauen Kugel, die internationale Lieferketten durcheinanderbringt, sobald sie blockiert ist.

3. Und Benzin kommt tatsächlich immer noch nicht aus dem Bodentank der Tankstelle, sondern von „ziemlich weit weg“. Zumindest die Rohstoffe dafür. 

Bei der aufgeregten Diskussion um deutsche Spritpreise rollen sich mir die Fußnägel hoch. Ein Gejammer, meine Güte. Natürlich sind die Preise mit einem ordentlichen Aufschlag versehen, aber dass Sprit immer teurer wird, ist doch kein Geheimnis mehr. Selbst ohne Kriege und Blockaden. Das ist doch logisch, und jeder normale Bürger sollte sich längst Gedanken gemacht haben, wie er künftig mobil sein will. In Städten bietet sich der ÖPNV an. Eigenheimbesitzer auf dem Land können das Auto mit Strom oder Sonne laden. Schwieriger ist die Lage für Wohnungsmieter auf dem Land und in Kleinstädten oder Menschen die aus gesundheitlichen Gründen einen fahrbaren Untersatz brauchen.

Aber sind das die Menschen, denen das ganze Getöse gilt?

Wenn ja, wäre das zumindest noch ein positiver Nebeneffekt dieses ganzen Schlamassels.

In anderen Ländern fehlt Gas zum Kochen man! Jetzt kriegt euch mal ein ..

 

PS: Titelbild via ChatGPT

 

497) Brauch‘ ick nich‘ – Vol 5

Ein Zufall hat mir am Wochenende eine Tageszeitung ins Haus fliegen lassen. In der Mitte eingeschlagen fand ich mal wieder so einen schnuckeligen kleinen Geschenke-Katalog. Herrlich. Das ist wie Ostern, Weihnachten und Geburtstag zusammen. Wie ein Döner-Teller, ein Shawarma-Menü, das jemand vor mir auf dem Tisch abstellt. Zum Reinbeißen.

Auf Seite 3 geht’s schon gut los. „Inspiriert von edlen Rebsorten: The Real Wine Soap (R). Lifestyle-Neuheit und Luxus-Wellness für Weinliebhaber.“ …“Von Pariser Seifenmeistern, handgemacht.“ Seife Typ Sauvignon Blanc oder Merlot für 13,95 EUR. Prost!

Auf Seite 5 gibt’s noch was für die gestressten Manager: ein Stapelturm-Spiel aus 54 Acrylbaustein. „Den glasverkleideten Wolkenkratzern weltweiter Metropolen gleich, schimmert die transparente Bauweise des Turms.“ Also wenn ich dafür mal Zeit hab, dann gebe ich mit Sicherheit nicht 129 € für solchen Blödsinn aus.

Auf Seite 9, was für die Kids: Ein „Climbing Car: spannende Autorennen an Wand und Decke.“ „Bis zu 15 Minuten Fahrspaß … wie ein in einem Trickfilm … saust ein Auto Funkgesteuert an ihrer Zimmer-Decke entlang.“ Nein, wird es nicht!

Seite 11: „Plüschweisch. Kuschelwarm. Sorgfältig. Tierfreundlich. Und doch so schwer zu finden.“ Regenbogen-Ringelsocke für 19,95 EUR. Das Paar nehme ich mal an.

Seite 17: „Im Bett, auf der Couch, im Wohnmobil, … Ihr mobiler Schreibtisch sorgt für entspannte Laptop-Arbeit.“ … „Ergonomisch geeignet. Ideal zum entspannten Tippen, Browsen und Lesen – auch im Garten, Wohnmobil, beim Camping am Klapptisch…“ Laptop-/Lesekissen für 39,95 EUR. Ach das meinen die mit Work-Life-Balance. Verstanden.

Seite 39: eine „Genial selbstschärfende Maniküre-Schere – nach dem Vorbild der Natur. Innovative Technologie nach dem Biberzahn-Prinzip. Qualität und Präzision „made in Germany“.“ Gruselig … ich sehe mich schon mit „abbe“ Finger und dann ist Schluß mit der Privat-Bloggerei.

Seite 46: Ein „Nasen-und Ohrhaarschneider: wasserfest und hygienisch.“ …“Immer hygienisch sauber“ …  „Einfach die Spitz mit weich gerundeter Krone einführen“ … oah nee, bitte nicht … „Gerät anstellen – schon sind die lästigen, unschönen Haare verschwunden.“

Brummmm.

Kopf-Kiiiiiiiiinooooooooooooooooo

Nein!!!!!!

<— 353) Brauch‘ ick nich‘ – Vol 4

Andere Beiträge zum Thema:

495) Waren(h)aus

Schon wieder ist die Warenhauskette Galleria Karstadt Kaufhof angezählt und sitzt verzweifelt in der Ecke des Boxrings der Einzelhandel-Boxing-Assoziation

Und sofort tönt wieder das Gejammer über unsere Fußgängerzonen, die Verödung der Innenstädte und und und . Ich muss ganz ehrlich sagen, ich kann es nicht mehr hören. Dass der stationäre Einzelhandel in Schwierigkeiten kommen wird, ist mindestens seit Ende der 90-er Jahre klar, also seit über 30 Jahren. Und was ist passiert? Nichts. Man hat mit veralteten Konzepten die Mitbewerber wie Hertie und Horten aus dem Weg geräumt und meinte, man kann als Platzhirsch weiter machen wie bisher. Wäre Corona nicht in unser Leben getreten, gäbe es auch heute noch nicht mal „Innovationen“ wie Click & Collect u.ä.

Ganz ehrlich, dann kann ich es nicht verstehen, dass man nun wieder Finanzierungs-und Betriebskonzepte für ein Modell sucht, was sich tot laufen wird. Quasi der Dino, der in den Himmel schaut, weil da was „Bedrohliches“ von oben kommt. Schade drum, ist aber so. Das Warenhaus der Zukunft heißt nun mal vermutlich „Amazon & DHL“, ob wir es nun mögen oder nicht. Und sicher wird man hin und wieder auch mal in ein Geschäft gehen wollen, dann braucht es sie aber nicht mehr in der Größe oder Zahl. Mal abgesehen davon, dass so mancher Kaufhof-Bunker an Hässlichkeit kaum zu überbieten ist und die Innenstadt eher versaut. (Mal googeln: Kaufhof Goslar)

Und wieso wird so häufig die Qualität einer Innenstadt immer an der Vielzahl der Geschäfte bemessen? Das ist eine künstlich hergestellte Beziehung, die man auf „Teufel komm raus“ aufrechterhalten will. Nun habe ich ja (zum Glück) im Mittelalter noch nicht gelebt aber waren da die Innenstädte voller Konsumtempel? Voller Optiker, Drogerien, TEdi-Läden, Mobil-Funk-Shops, Unterwäsche-Dealer und Bubble-Tea-Schenken? Kann ich mir kaum vorstellen. Ich denke, da gab es Bäcker, Fleischer,  Schuster, Schreiner oder Wirtshäuser, Herbergen und irgendwelche Begegnungsstätten.

So was muss ich doch in die heutige Zeit übertragen lassen. Einzelhandel im Doppelwandel also. Da muss doch was möglich sein. Warum muss ein Mediamarkt so groß sein, wenn die meisten Leute eh nur „glotzen und anfassen“ und danach von zu Hause bestellen? Warum gibt es keine Probier-Center? Keine Foren, Nachbarschaftsräume, Werkstätten, Kunsträume oder so etwas. Kann man die Flächen der Konsum-Tempel nicht für etwas anderes nutzen (Stichwort Schule, Wohnraum)? Warum stehen da riesige Gebäude in der Stadt herum, die nur 12 Stunden eine Funktion haben? Mit welchem selbstverständlich anmutendem Recht sind die Flächen dem Konsum vorbehalten? Der Ausstellung von Hardware, in der Hoffnung, dass das Zeug irgend jemand kauft?

Ist das nicht alles ein bisschen „gestern“?

373) Mangel im Überfluss

Je nachdem wann und wo man so aufgewachsen ist, wird man mal mehr oder weniger Mangel erfahren haben. Es fehlte einfach an ausreichend Dingen oder Dienstleistungen, ja, man mag es heute kaum glauben.

Da fragte man eher „Sagen Sie, haben sie vielleicht diesunddas?“. „Nee, ham‘ wa‘ nich‘“, war dann häufig die Antwort. Der Konsument musste sich also kümmern, organisieren oder kreativ werden, um das „Nötige“ zusammenzukriegen. Man verbrachte viel Zeit mit Anstehen, Tauschen, Ausleihen, aber eben doch auch mit Reparieren, Pflegen und Instandhalten von Möbeln, Geräten, Maschinen. Das dauerte halt seine Zeit.

Heute dagegen gibt es Waren im Überfluss, jeweils in tausenden Varianten. Wir fragen im Supermarkt nicht mehr „Sagen Sie, haben sie vielleicht diesunddas?“, nein, stattdessen fragen wir „Entschuldigung, wo steht denn diesunddas?“. Die Antwort: „Öhhm, gehen Sie mal gaaaanz zum Anfang zurück und probieren Sie es mal bei den Konserven. Wenn nicht, kann ich auch nicht helfen, bin neu hier“. Verstanden, danke.

Es mangelt in dem Sinne nicht mehr an Gütern, aber nun verbringen die Menschen eben aber noch mehr Zeit mit Suche, Recherche, Vergleich, Auswahl, Bestellung und Rückversand der Dinge, die ihnen nicht passen, die ihnen dann nicht gefallen und die sie eigentlich schon haben. 

Nun ist ihm Prinzip also alles zu kriegen und wieder mangelt es an etwas … an Zeit. 

Und Erika und Max Mustermann kriegen zusätzlich noch eine Herzattacke, wenn es das Klopapier nur in „Eco“ gibt und nicht in „Super-Soft-10-lagig.

Da stimmt was nicht. Das kann nicht gut gehen.

Unser Ende wird nicht der Mangel sein, sondern der Überfluss.

Und wieder einmal schließe ich einen Beitrag mit einem Zitat aus „Essentialism: The Disciplined Pursuit of Less“ von Greg McKeown

As Peter Drucker said, “In a few hundred years, when the history of our time will be written from a long-term perspective, it is likely that the most important event historians will see is not technology, not the Internet, not e-commerce. It is an unprecedented change in the human condition. For the first time – literally – substantial and rapidly growing numbers of people have choices. For the first time, they will have to manage themselves. And society is totally unprepared for it.

346) Lieferketten

Hier auf dem Gelände der Urlaubshütte gibts interessante Ameisenstraßen zu sehen. Irgendwie fällt mir da das Projekt „Neue Seidenstraße“ ein und die aktuell viel diskutierten Probleme in den internationalen Lieferketten.

Wenn man sich die Tierchen so ansieht …

  1. Sind die super-schnell
  2. Machen alles zu Fuß
  3. Haben keine Technik zur Hand, keine Gefäße, Körbe
  4. Hätten ja nicht mal Hände, um die zu beladen
  5. Folgen sie alle einer Richtung, einer Aufgabe, einem Auftrag

Wie kriegen die das hin?

  • Liegt das nur an ihrer schieren Menge? Daran, dass das alles nur einfache Soldaten sind, die dem Kommando der Königin folgen?
  • Vielleicht aber auch, weil jede Ameise nur das auf den Rücken packt, was sie tragen kann? Sie keine Schiffe und LKWs beladen, die dann irgendwo hängen bleiben, weil ein Tanker quer liegt oder die LKW-Fahrer streiken.
  • Oder weil sie ihr Zeug eben nur „regional“ organisieren, also auf dem Gelände hier? Weil Sie keine Delegationen nach China oder Indien schicken, um dort Verträge auszuhandeln?
  • Vermutlich aber auch, weil sie „nur“ Nahrung und Baumaterial heranschaffen? Sie sich nicht mit Flachbild-Fernsehern, Spielkonsolen und Billig-T-Shirts abschleppen?

Genug Stoff zum Nachdenken. 

Ach wenn ich die doch nur fragen könnte. Dann übernehme ich das Konzept und werde zum Oberlogistiker der Welt und verdiene mich dumm und dämlich 😉

Grüße von der Ameisenstraße


Nachtrag 28.07.22 20:16 Uhr:
Liebe Leser meines friedfertigen Blogs hier, dieser Beitrag wurde anscheinend von einem hirnlosen Nazi-Arsch geliked und mit einem Hakenkreuz besudelt. Tut mir Leid, das hat nichts mit mir oder meinen politischen Ansichten zu tun. Oder vielleicht ja doch? Jedenfalls habe ich das nicht initiiert. Ignoriert das bitte für den Moment. Ich muss sehen wie ich damit umgehe. Bis dahin habe ich erst einmal die Gefällt Mir-Funktion abgeschaltet. Danke fürs Verständnis

Nachtrag 28.07.22 ca. 20:30 Uhr:
Mir folgt anscheinend ein User mit unmissverständlichem Namen. Ich habe den erst einmal von der Liste der Follower entfernt.

Nachtrag 28.07.22 20:53 Uhr:
Liebe Leser, ich habe eine Beschwerde an die Betreiber von WordPress geschickt und darum gebeten, diesen User zu blocken / zu löschen.

Nachtrag 28.07.2022 21:00 Uhr:
Ich habe den Blog erst einmal auf „privat“ eingestellt, meine Beiträge sollten also erst einmal nicht im Internet auffindbar sein.

Nachtrag 29.07.2022 09:30 Uhr:
Der Blog ist nun erst einmal wieder für die Öffentlichkeit sichtbar.

Nachtrag 29.07.2022 10:00 Uhr:
Obwohl ich diesen User gestern von der Liste der Follower geschmissen habe, taucht er noch an bestimmten Stellen meines Blogs mit seinem hässlichen Hakenkreuz-Gravatar auf. Ich arbeite dran.

310) Kann Spuren von Weichteilen enthalten

Wer mal etwas Abstand zum Nachrichtengeschehen sucht, kann Bücher lesen oder was ich ganz gern‘ mal mache, Produktverpackungen studieren 😉

Hier ein paar schöne Fundstücke der letzten Wochen:

1) Fangen wir mal mit den visuellen Klassifizierungen an, die das Konsumenten-Leben ja eigentlich einfacher machen sollten:

Zum Beispiel dem „Nutri-Score“:
Je mehr rechts und orange/rot und weiter hinten im Alphabet, um so mehr doof … glaube ich.

Dann das EU-Energielabel:
Umso weiter oben und grüner und kürzer der Balken, umso mehr nachhaltig … verstehe ich.

Anders beim „Haltungsindex“:
Umso mehr links, und rot und umso geringer die Zahl, umso weniger gut … vermute ich.

… Oahhh mein Kopf.

2) Weiter geht’s mit mehrdeutigen Texten:

Da steht zum Beispiel:
„Mit Schweinefleisch aus der EU“
Ist das nun besser? Da kommt das Schwein nicht tiefgefroren aus Fernost sondern mit dem LKW aus Rumänien oder was?

Auf einer Käsepackung steht:
„Neuer Inhalt“
Na, da gehe ich doch mal von aus oder? Stünde da „Alter Inhalt“ würde das doch keiner kaufen

Der 6-er Pack Eier kommen mit der Aufschrift:
„Aus Bodenhaltung“
Mhm, also ich find die Haltung von Eiern in Regalen zwar irgendwie praktischer, aber bitte, macht nur.

Auf der Schachtel Cookies steht geschrieben:
„Mit 40% Schokolade“
„70% weniger Plastik“

Na lecker, magst‘n Keks?

Auf der ungarischen Salami finde ich:
„Csökkentett Müanyag Felhasznalas“.
Also das ist mir irgendwie auch wichtig.

Ein Herren-Deo trägt einen Englischen Titel:
„Collision Leather & Cookies“.
Vorbei die Zeiten, wo Schweißbremsen noch ganz profan „Sport“ oder „Flowers“ hießen. Heute muss es ein Zusammenstoß aus Tierhaut und Feingebäck sein.

Oder hier auf‘m Schafskäse:
„Täglicher Weidegang für unsere Schafe*“
Später dann das Kleingedruckte:
*) Sobald das Wetter es zulässt und Weidegras verfügbar ist, weiden unsere Schafe täglich im Freien.
Meine Güte, das Kleingedruckte ist doppelt so lang

3) Und noch zwei herrliche Beschriftungen fürs flüchtige Lesen:

Auf einer Packung Fisch fand ich:
„Von Hand gecancelt“
What? Cancel Culture in der Fischwirtschaft?
Ach nee, da steht:
„Von Hand geangelt“
Na dann.

Auf einer Asia-Sauce stand:
„Kann Weichteile, Krebstiere, Fisch, Weizen, Soja, Sesam und Ernüsse enthalten“
Waaas? Weichteile? Ekelhaft! Also die essen da aber auch wirklich alles oder?
Ich lese besser noch einmal.
„Kann Weichtiere, Krebstiere, Fisch … und so weiter“
Ach soooooo.

In diesem Sinne …

Frohe Ostern!

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302) Fabrik der Welt

Spätestens seit Anfang Corona, sollte der Begriff „Lieferkette“ in den deutschen Wohnzimmern angekommen sein. Das Wort ist erst einmal gar nicht problematisch, denn bestellt und geliefert wird schon seit Jahrhunderten. Neu, und sicher auch diskussionswürdig, sind die Lieferketten und damit auch Abhängigkeiten aus Fernost.

Dass unsere geliebten Apfel-Smartphones nicht im Silicon Valley zusammengeschraubt werden und dass ein 43“ Zoll Flat-TV für 399 € vermutlich nicht aus dem Stuttgarter Tal stammt, kann man sich auch denken. Aber auch ganz besonders der Kleinkram kommt mittlerweile in großen Mengen aus Asien. Und der wird dann gar nicht mehr „exklusiv“ für uns verpackt und in einen See-Container gepackt, nur weil wir hier aufs Knöpfchen drücken. Nein, das Zeug ist schon hier im Land, weil einfach pausenlos geliefert wird. In „Kette“ halt.

Und wenn man, so wie ich, einen kleinen Spleen hat, der Produktverpackungen lesenswert findet, dann stellt man schnell fest, dass die „Made“ nicht mehr „in“ dem kuscheligen „Germany“ sitzt, sondern bereits weit weg am Band steht.

Hier zum Beispiel die Rückseite der Verpackung von FFP2-Masken:
Hergestellt in Changsonggang/China, Importiert via Paris/Frankreich, Überwachungsstelle in Barcelona/Spanien.

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Oder hier, auch Masken oder Corona-Schnelltests, ich weiß es gar nicht mehr:
Produziert in Guangzhou/China, Consulting in Ludwigsburg/Deutschland, dazwischen irgendwie noch Liverpool/UK geschaltet.

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Und hier ein paar Ersatzteile für den Saugroboter:
Hergestellt in Dongguan/China, repräsentiert durch eine Consulting-Bude in Paris/Frankreich.

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Man kann nur erahnen, welche „Wertsch(r)öpfung“ die zwischengeschalteten Consulting-Buden alle beitragen.

Ich habe mir das mal etwas über den Kartendienst der Datenkrake angeschaut:

Dongguan und Guangzhou liegen beide in der Provinz Guangdong. Ungefähr hier: https://www.google.de/maps/place/Guangdong,+China/@22.736784,108.9927994,6z/data=!4m5!3m4!1s0x315285f132af5c3f:0x2ed41c6f09259f29!8m2!3d23.1317099!4d113.26627

Die Provinz Guangdong ist das ehemalige „Kanton“, was man vielleicht von der gleichnamigen Knusper-Ente des „China-Palast“ um die Ecke kennt. Laut Wiki hatte die Stadt Dongguan in 2017 bereits 7,3 Millionen Einwohner, dürfte also mittlerweile locker 2 mal die Einwohnerzahl Berlins toppen. Guangzhou ist laut Wiki die Hauptstadt der Provinz, zählte 2011 bereits 18 Millionen Einwohner im administrativen Stadtgebiet und wird auch als „Fabrik der Welt“ bezeichnet.

Die ganze Provinz Guangdog zählt laut Wiki ca. 126 Mio Einwohner. Alter Schwede. Das ist knapp an Deutschland und Frankreich dran. Zusammen. Nur in einer Provinz, in diesem kleinen Flecken auf der Erde … nördlich von Hongkong und Macau.

„Fabrik der Welt“ … gruselig.

Sollten da mal die Lichter ausgehen … oh oh

Nachtrag 28.03.22 20:15 Uhr: Wenn ich es gerade richtig verstanden habe, geht Shanghai mit 26 Millionen Einwohnern in einen Lockdown

47) Hongkong

Neulich, in den Abend-Nachrichten, liefen Video-Aufnahmen von Straßenschlachten in Hongkong.  Da gingen Demonstranten und die dortige Polizei aufeinander los. Der Sohnemann sollte eigentlich schon im Bett sein, hatte dann aber doch noch ein paar Bilder im Vorbeigehen erhascht.

Er: „Papa, was ist da los?“
Ich: „Das ist etwas kompliziert, erkläre ich Dir morgen. Versprochen“

Und wie die Kids halt so sind, vergessen sie so ein Versprechen  nicht. So stand er dann den Tag darauf vor mir und verlangte eine Erklärung. „Hol mir mal ein Blatt Papier und einen Stift, ich muss da bestimmt etwas malen“.

  • Wir begannen unser Wimmelbild also mit der Kolonialisierung durch die Engländer, (… Portugiesen, Spanier, Holländer und Deutsche natürlich auch … aber das kürzten wir ab)
  • Anschließend streiften wir die beiden Weltkriege und machten mit dem Freiheitskampf Indiens weiter, bei dem die Engländer dann wieder vor die Tür gesetzt wurden.
  • Dann machten wir einen Abstecher zum Kalten Krieg, zu den Supermächten Russland und USA, und teilten Europa in Ost und West ein. Zack. Dicker Strich mitten durch Berlin.
  • Weiter ging es nach Fernost zu den britischen Kronkolonien Singapur und Hongkong, wo die Engländer noch etwas länger ihren 5-Uhr-Tee tranken, bevor sie wieder nach Hause fuhren.
  • Irgendwann landeten wir bei den heutigen Handelsströmen, wo die einen Länder die Ideen und Technologien haben und andere Länder die Werkbänke und Millionen von Arbeitskräften. Und mittlerweile auch das Geld. Und großartige Technologien, mit denen sie ihre Einwohner gängeln können…

Er: „Und was kann man da jetzt machen?“
Ich: „Puhh…“