796) So viele kluge Köpfe

Über 8.000 Kilometer bin ich in den vergangenen Wochen mit dem Auto gefahren. Fast jeden Tag sitze ich hinter dem Steuer und bin dabei meist auf Landstraßen unterwegs. Das gibt mir viel Zeit für inspirierende Hörbücher und Podcasts. Keine Sorge, hier folgt jetzt keine Empfehlungsliste. Im Wesentlichen waren es wie immer Gespräche aus den Podcasts „Alles gesagt“ und „Hotel Matze“, letzterer in der Überzahl.

Um zwei Dinge geht es mir heute:

Zum einen liebe ich die ruhige Gesprächsatmosphäre, die inhaltliche Tiefe und der scheinbar unendliche Raum, den Gastgeber und Gast gemeinsam entstehen lassen. Fast wie ein Tanzpaar auf dem Parket, nur ohne geübt zu haben. Die Wertschätzung, die Freundlichkeit, der Respekt und der Ton, in dem miteinander gesprochen wird. All das vermisse ich derzeit in den ach so sozialen Medien, aber auch in den stark verdichteten Nachrichtenformaten, Talk Shows und Sommerinterviews. Es ist ein wahrer Genuss. Ein Ohrenschmaus. Wie ein Lieblingsgericht, von dem man am liebsten noch eine zweite Portion hätte, plus Nachspeise … und gleich noch Vorspeise von morgen.

Zum anderen höre ich dort so viele kluge Köpfe. Zumindest die, denen ich gerade zuhöre. Sie sprechen fundiert und differenziert. Sie können ihre Gedanken so formulieren, dass jeder sie versteht. Sie beantworten Fragen, eiern nicht herum und planen nicht schon während der Antwort den nächsten rhetorischen Gegenangriff. Sie entwerfen Zukunftsbilder und zeigen Wege auf, wie wir aus den Schwierigkeiten herausfinden könnten, in denen wir gerade stecken.

Genau diese Eigenschaften vermisse ich bei großen Teilen unseres politischen Personals. Siehe dazu auch meinen Beitrag >Wohin wollen wir eigentlich?“.

Und dann frage ich mich so oft: Was wäre eigentlich, wenn wir einmal eine Regierung aus diesen Menschen zusammenstellen würden. Ohne Parteitaktik, ohne Machtspiele, ohne permanente Profilierung. Wahrscheinlich naiv. Aber reizvoll ist der Gedanke schon.

Ich bin überzeugt, wir wären in vielen Bereichen schon ein gutes Stück weiter. Frei von Machtspielen, parteipolitischem Taktieren, persönlichem Geltungsdrang und der ständigen Missgunst gegenüber Koalitionspartnern oder anderen Ministerien.

Vielen Dank an Sebastian Fitzek, Maja Göpel, Prof. Dietrich Grönemeyer, Campino, Anna-Lena von Hodenberg, Björn Süfke, Dr. Gerald Hüther, Ulrike Herrmann, Detlev Buck, und viele weitere kluge Menschen, die auf mir auf den Straßen ihre Gedanken teilten.

PS: Titelbild via KI, wie auch sonst … bleibt ja irgendwie fiktiv.

790) Wohin wollen wir eigentlich?

Nachdem ich nun den Entwurf für mein „Wahlprogramm“ veröffentlicht habe, der sicher nicht vollständig ist und vielleicht irgendwann noch einen Nachschlag bekommt, weiß ich zumindest, wie ich mir die Zukunft des Landes vorstelle.

Das kann jeder anders sehen. Und das ist auch völlig in Ordnung. Der Nörgler wird sagen: „Zeitverschwendung. Du Träumer. Das wird sowieso nichts.“ Darum ging es mir aber gar nicht. Mir war wichtig, meine Gedanken einmal schwarz auf weiß festzuhalten und transparent zu machen.

Genau das ist übrigens auch etwas, das mir in der Kommunikation unserer Regierung total fehlt und ich hatte mit Annuschka dazu einen kurzen Kommentarwechsel … schönen Gruß an dieser Stelle.

In den Medien werden ständig Einzelthemen diskutiert. Zahlen, Kennwerte und Detailfragen werden rauf und runter debattiert. Was mir dagegen fehlt, sind ein paar klare Sätze darüber, wo wir mit diesem Land eigentlich in fünf oder zehn Jahren stehen wollen.

Und um es gleich klar zu sagen: Ich meine keinen Fünfjahresplan sozialistischer Prägung. Ich meine auch keine Parteilosung, die wir auf Wimpel drucken und am 3. Oktober in die Luft halten, während der Bundeskanzler den marschierenden Massen zuwinkt. Das kenne ich zur Genüge.

Aber solche Ziele gibt es durchaus. Man muss nur auf bundesregierung.de nachschauen.

Dort werden fünf Schwerpunkte genannt:

● Neues Wirtschaftswachstum und gute Arbeit

● Wirkungsvolle Entlastungen, stabile Finanzen, moderner Staat

● Sicheres Zusammenleben, geordnete Migration, stärkere Integration

● Starker Zusammenhalt, standfeste Demokratie

● Verantwortungsvolle Außenpolitik und ein geeintes Europa

Unter jedem dieser Punkte finden sich fünf bis sieben Ziele.

Aber mal ehrlich: Wer kennt die? Wer hat sie gelesen? Wer könnte auch nur einen Teil davon nachts um drei aufzählen? Kennt irgendjemand einen übergeordneten Satz, ein Credo oder eine Vision für unser Land?

Ich jedenfalls nicht.

Stattdessen sitzen wir oft wie das Kaninchen vor der Schlange. Wir mutmaßen darüber, was KI, Demografie, Klimawandel oder geopolitische Krisen wohl mit uns machen werden, wann sie uns treffen und wie hart die Folgen sein könnten. Oft tun wir nicht einmal das, wir lassen es geschehen und dann ist das Geschreih groß.

Vermutlich können wir eher die nervige Müsli-Werbung aus dem Odenwald mitsprechen oder den Werbespruch, man solle „doch einfach zu Netto gehen“.

Vermutlich ist genau das der schwierige Teil. Denn eine echte Vision bedeutet auch, Zielkonflikte offen anzusprechen. Man muss Prioritäten setzen. Man kann nicht alles gleichzeitig haben. Genau deshalb wäre sie so wichtig.

Ich glaube, genau so etwas würde würde uns mal guttun. Ein gemeinsames Bild davon, wo wir hinwollen. Denn nur über ein solches Bild kann man diskutieren. Man kann dafür werben, Kritik üben oder Verbesserungsvorschläge machen. Aber wenn kaum jemand dieses Ziel kennt, wie sollen wir dann gemeinsam dort ankommen?

Dabei gibt es für genau solche Situationen seit Jahrzehnten einen Begriff: Change Management.

Veränderungen kommen nicht überraschend. Man kann sie kommen sehen, Ziele formulieren, Menschen mitnehmen und den Wandel aktiv gestalten. Genau das machen Unternehmen jeden Tag. Warum sollte das für ein ganzes Land nicht funktionieren?

Im Moment wirken wir dagegen häufig passiv. Wir reagieren auf das, was uns technologische Entwicklungen, globale Trends oder ein durchgedrehter Staatschef irgendwo auf der Welt vor die Füße werfen.

Oft wird der Politik vorgeworfen, die Corona-Pandemie nicht ausreichend nachgearbeitet zu haben. Halte ich für richtig. Die Pandemie konnte niemand vorbereiten, sie war einfach da. Die Transformation, die jetzt vor uns liegt, dagegen schon. Auf sie kann man sich einstellen. Man kann sie erklären. Und man kann sie gestalten.

Der oft gehörte Satz „Wir müssen mehr arbeiten“ reicht dafür jedenfalls nicht. Das ist keine Vision, sondern höchstens die Peitsche.

Liebe Regierung, jetzt erklärt doch den Menschen einmal, wo wir eigentlich hinwollen. Welche Herausforderungen auf uns warten. Welche Opfer nötig sein werden. Und welche Chancen darin liegen.

Nicht alles rosarot malen. Sondern ehrlich sein. Hose runter. Die Probleme offen auf den Tisch. Es kommen einige harte Brocken auf uns zu, das wissen Sie alle.

Das kann man doch gemeinsam gestalten, anstatt Woche für Woche nur auf Konjunkturzahlen, Arbeitslosenquote oder das nächste Politikbarometer zu schauen und anschließend mit den Schultern zu zucken.

Vielleicht gelingt es dann auch, Menschen zurückzugewinnen, die sich politisch längst auf ein anderes Gleis begeben haben.

Denn wer Menschen mitnehmen will, muss ihnen zuerst zeigen, wohin die Reise überhaupt gehen soll. Ohne ein gemeinsames Zielbild entsteht kein Aufbruch. Dann bleibt am Ende nur das Gefühl, von Krise zu Krise zu stolpern.

PS: Titelbild via KI, aber ich bin in den letzten fünf Wochen durch hunderte Kreisverkehre gefahren. Ich weiß, wovon ich rede.

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