154) Postkarte aus Irland (Südwesten)

Denkt man sich Irland als Ziffernblatt einer Uhr, dann haben wir nun fast alles zwischen sechs und neun abgegrast. Auf einer Pizza Quattro Stagioni wäre es das Viertel mit den Champignons oder was immer man sich nach unten links schiebt. Ein Navigator würde von Südwest sprechen. Irland-Kenner von den Counties Cork, Limerick und Clare. Wir sind nun ungefähr auf der Höhe Dublins, nur auf der anderen Seite der Insel. Zeit für eine kurze Postkarte von der grünen Insel, die so viele Gesichter und Landschaften hat.

Also los geht‘s:

Diese Postkarte beginnt mit der Befahrung des sogenannten Ring of Kerry um die Halbinsel Iveragh herum. Braucht etwas Zeit, aber wer gern Auto fährt und hier und da mal anhält, ist da genau richtig.

Ähnlich, aber dann doch wieder anders, aber nicht ganz so viel Fahrstrecke dann einen Tag später auf der Halbinsel Dingle.

Das County Clare hat mir gut gefallen, die schroffe Landschaft des Burren National Park und die kleinen Orte mit ihren bunt angemalten Pubs.

Kulinarisch hat Irland auch einiges zu bieten. Hier die vier Klassiker.

So, das war‘s erst einmal wieder, weiter geht es dem Uhrzeiger folgend nach Nordwest.

Sláinte!

9) Klangmoment: Weite in Finavarra Demesne

Es wird so viel geredet. Übereinander, gegeneinander, nebeneinander und häufig drumherum.

Hier machen wir für eine Minute das Gegenteil.

Mal einen Moment die Klappe halten, vielleicht Kopfhöher auf und „play“ drücken … sonst nichts.

Dieser Klangmoment stammt aus Finavarra Demesne im Südwesten Irlands. Die Unterkunft lag an einem seicht abfallendem Hang und wir hatten Blick auf die Steinmassive des Burren National Park, Viehweiden und Wasser. Ab und zu hört man mal einen Traktor auf der Dorfstraße oder ein Auto auf der gegenüberliegenden N67. Ansonsten … nicht viel. Aber das stimmt nun auch wieder nicht. Man hört eine ganze Menge, wenn man nur mal richtig hinhört. Denn Weite kann man auch hören.

Finavarra Demesne, 23.07.2026

797) Räume zwischen schwarz und weiß

Wenn man mich fragt, laufen viele Diskussionen über Reformen und Veränderungen zu sehr in Schwarz und Weiß. Das ist verständlich. Klare Positionen geben Orientierung und machen Entscheidungen scheinbar einfach. Man weiß, woran man ist. Gleichzeitig führen sie aber oft sofort zur Polarisierung und schrecken Menschen ab. Im Zweifel reicht schon ein einziges Thema, um eine Geburtstagsparty zu sprengen.

Schauen wir uns nur ein paar Diskussionen unserer Zeit an: autofreie Innenstädte, Fleisch oder vegan, Tempolimit ja oder nein, Flugzeug oder Bahn, Social Media erst ab 16. Fast jede Debatte beginnt mit einer Entscheidung zwischen zwei Extremen. Und wenn nicht alle, dann gar keiner. Und wenn sich etwas nicht zu 100 Prozent kontrollieren lässt, dann erst recht nicht. Dazwischen scheint kaum Platz zu sein.

Zwischen Schwarz und Weiß liegt jedoch so viel Raum, über den viel zu selten gesprochen wird. Dummerweise heißt er „grau“ und hat kein besonders gutes Image. Er klingt nach Unklarheit, nach halben Sachen oder sogar nach etwas, das sich am Rand der Legalität bewegt.

Dabei wünsche ich mir für den Raum zwischen den Extremen mehr Aufmerksamkeit. Wir können ihn von mir aus auch „bunt“ anmalen. Denn genau dort entsteht Veränderung.

Wer Menschen dazu bringen will, ihr Verhalten zu ändern, muss ihnen einen Weg anbieten, den sie auch gehen können. Niemand legt von heute auf morgen seine Gewohnheiten komplett ab. Aber viele sind bereit, einen ersten Schritt zu machen, wenn sie dabei nicht das Gefühl haben, ihre gesamte Lebensweise infrage stellen zu müssen.

Warum testen wir eine Steuerreform nicht zunächst in einer Kommune? Warum probieren wir neue Verkehrskonzepte nicht zunächst in einer einzelnen Region aus? Warum sammeln wir nicht Erfahrungen mit neuen Schulmodellen? Auf diesem Weg werden die Effekte gemessen, anschließend kommuniziert und, wenn sie überzeugen, kann man den nächsten Schritt gehen. Oder eben nicht. Auch das wäre vollkommen in Ordnung.

Stattdessen wird jahrelang über gigantische Reformen diskutiert. Da bekommt jeder Amtsinhaber kalte Füße, weil er befürchten muss, damit seine Karriere und sein politisches Vermächtnis aufs Spiel zu setzen.

Ich nenne diesen Ansatz inkrementelle Transformation. Keine Ahnung, ob es den Begriff schon gibt. Für mich beschreibt er ziemlich genau, was ich meine.

Ich meine, Dinge im Kleinen auszuprobieren und, wenn sie funktionieren, zu skalieren, statt sie vorschnell ideologisch niederzumachen. Aus einem Versuch wird Erfahrung. Aus Erfahrung entsteht Vertrauen. Und aus Vertrauen kann am Ende eine Veränderung werden, die viel mehr Menschen mittragen.

Wir brauchen weniger Schwarz und Weiß. Und mehr Räume dazwischen.

PS: Titelbild via KI, meine Güte, was für ein Krampf, dem zu verklickern was ich haben will. Alles muss man selber machen … 😉

8) Klangmoment: Möwen-Meeting in Haapsalu

Es wird so viel geredet. Übereinander, gegeneinander, nebeneinander und häufig drumherum.

Hier machen wir für eine Minute das Gegenteil.

Mal einen Moment die Klappe halten, vielleicht Kopfhöher auf und „play“ drücken … sonst nichts.

Dieser Klangmoment stammt aus Haapsalu in Estland. Ich hatte gerade das Hotelzimmer bezogen, oder besser gesagt, die Kammer unterm Dach. Entsprechend winzig und warm war es da oben, die Fenster gingen nur teilweise zu öffnen. Also ließ ich die Zimmertür offen stehen, um den Raum zu vergrößern und die Hitze hinauszuleiten. Das Gebäude lag direkt am Wasser, vorgelagert eine kleine Insel, welches als Headquarter der dortigen Möwen diente. Da herrschte ein Lärm, meine Güte. Sollte ich jemals als Tier wiedergeboren werden, dann aber bitte nicht als Möwe. Ist mir viel zu stressig und viel zu laut.

Haapsalu, 24.06.2026

796) So viele kluge Köpfe

Über 8.000 Kilometer bin ich in den vergangenen Wochen mit dem Auto gefahren. Fast jeden Tag sitze ich hinter dem Steuer und bin dabei meist auf Landstraßen unterwegs. Das gibt mir viel Zeit für inspirierende Hörbücher und Podcasts. Keine Sorge, hier folgt jetzt keine Empfehlungsliste. Im Wesentlichen waren es wie immer Gespräche aus den Podcasts „Alles gesagt“ und „Hotel Matze“, letzterer in der Überzahl.

Um zwei Dinge geht es mir heute:

Zum einen liebe ich die ruhige Gesprächsatmosphäre, die inhaltliche Tiefe und der scheinbar unendliche Raum, den Gastgeber und Gast gemeinsam entstehen lassen. Fast wie ein Tanzpaar auf dem Parket, nur ohne geübt zu haben. Die Wertschätzung, die Freundlichkeit, der Respekt und der Ton, in dem miteinander gesprochen wird. All das vermisse ich derzeit in den ach so sozialen Medien, aber auch in den stark verdichteten Nachrichtenformaten, Talk Shows und Sommerinterviews. Es ist ein wahrer Genuss. Ein Ohrenschmaus. Wie ein Lieblingsgericht, von dem man am liebsten noch eine zweite Portion hätte, plus Nachspeise … und gleich noch Vorspeise von morgen.

Zum anderen höre ich dort so viele kluge Köpfe. Zumindest die, denen ich gerade zuhöre. Sie sprechen fundiert und differenziert. Sie können ihre Gedanken so formulieren, dass jeder sie versteht. Sie beantworten Fragen, eiern nicht herum und planen nicht schon während der Antwort den nächsten rhetorischen Gegenangriff. Sie entwerfen Zukunftsbilder und zeigen Wege auf, wie wir aus den Schwierigkeiten herausfinden könnten, in denen wir gerade stecken.

Genau diese Eigenschaften vermisse ich bei großen Teilen unseres politischen Personals. Siehe dazu auch meinen Beitrag >Wohin wollen wir eigentlich?“.

Und dann frage ich mich so oft: Was wäre eigentlich, wenn wir einmal eine Regierung aus diesen Menschen zusammenstellen würden. Ohne Parteitaktik, ohne Machtspiele, ohne permanente Profilierung. Wahrscheinlich naiv. Aber reizvoll ist der Gedanke schon.

Ich bin überzeugt, wir wären in vielen Bereichen schon ein gutes Stück weiter. Frei von Machtspielen, parteipolitischem Taktieren, persönlichem Geltungsdrang und der ständigen Missgunst gegenüber Koalitionspartnern oder anderen Ministerien.

Vielen Dank an Sebastian Fitzek, Maja Göpel, Prof. Dietrich Grönemeyer, Campino, Anna-Lena von Hodenberg, Björn Süfke, Dr. Gerald Hüther, Ulrike Herrmann, Detlev Buck, und viele weitere kluge Menschen, die auf mir auf den Straßen ihre Gedanken teilten.

PS: Titelbild via KI, wie auch sonst … bleibt ja irgendwie fiktiv.

3) Klangmoment: Vogelgerede bei den Līgatne Nature Trails

Es wird so viel geredet. Übereinander, gegeneinander, nebeneinander und häufig drumherum.

Hier machen wir für eine Minute das Gegenteil. Heute sogar mal zwei Runden

Mal einen Moment die Klappe halten, vielleicht Kopfhöher auf und „play“ drücken … sonst nichts.

Diese beiden Klangmomente stammen von den Līgatne Nature Trails, einem Naturpark in Lettland. Auf dem Parkplatz standen zwei Autos. Das der Dame am Ticketschalter und meins.

Līgatne Nature Trails, 18.06.2026

7) Klangmoment: Reigen der Lämmer in Derrymaclavode

Es wird so viel geredet. Übereinander, gegeneinander, nebeneinander und häufig drumherum.

Hier machen wir für eine Minute das Gegenteil.

Mal einen Moment die Klappe halten, vielleicht Kopfhöher auf und „play“ drücken … sonst nichts.

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Dieser Klangmoment stammt aus Derrymaclavode in Irland. Hinter dem Haus befindet sich ein Hang, auf dem Schafe weiden. Und nicht nur das, sie blöken pausenlos und kommen dem Haus immer näher. Der Bauer sagt, sie treiben die Schafe Stück für Stück hinunter und am Dienstag (heute) werden sie dann geschoren. Ich finde, es klingt teilweise so, als wären es Menschen, die Geräusche der Schafe nachmachen … oder eine Wutbürger-Demo geht hinter‘m Haus lang, aber nein, es sind wirklich Schafe. Irische Schafe und das ist auch der Grund, warum man nicht genau versteht, worum es ihnen geht. Heute wurden sie dann auch geschoren und nun ist Ruhe … Spekulationen kreisen in der Reisegruppe. Wo sind sie alle hin? Wieder oben auf dem Hang oder etwa …im Irish Stew?

Derrymaclavode, 19.07.2026

6) Klangmoment: Zum Kuckuck in Sietiņiezis

Es wird so viel geredet. Übereinander, gegeneinander, nebeneinander und häufig drumherum.

Hier machen wir für eine Minute das Gegenteil.

Mal einen Moment die Klappe halten, vielleicht Kopfhöher auf und „play“ drücken … sonst nichts.

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Dieser Klangmoment stammt vom Sietiņiezis Felsen in Lettland. Wieder war ich ganz allein und lief oben im Wald zurück zum Auto. Der oder die Kuckuck wollte mir anscheinend eine Menge berichten, aber weiß der Kuckuck was … vielleicht vom Esel?

Sietiņiezis, 19.06.2026

795) Parteibuch oder Familie?

„Es soll ja gespart werden … das sehen alle ein. In solchen Situationen müssen wir eben spahn.“

Diesen Satz habe ich neulich beim Zähneputzen im Radio aufgeschnappt, als es um die Reformen der deutschen Krankenversicherung ging. Eigentlich wollte ich ihn demnächst in einer neuen Folge meiner Reihe >Stutzmomente verarbeiten. Aber solche Sätze verlieren an Wert, je länger sie auf meinem Tablet vor sich hin schlummern.

Im Moment scheint das Internet ohnehin nur noch aus Fußball-WM, Trump, Jens Spahn und AfD zu bestehen. Gut, die WM ist bald vorbei, Spahn nun auch … was bleibt dann noch? Ich ahne es.

Aber noch einmal zur Causa Spahn. Mal abgesehen davon, dass ich ihn noch nie besonders mochte … geschenkt. Ein paar Kleckse gedanklichen Senfs möchte ich trotzdem noch dazugeben.

Dass Herr Spahn sein Glück im Ausland versuchen muss, finde ich grundsätzlich in Ordnung. Das machen schließlich auch andere Menschen. Etwa bei Sterbehilfe, besonderen Operationen oder Schwangerschaftsabbrüchen, wenn das im jeweiligen Nationalrecht aus irgendeinem Grund nicht möglich ist.

Dass Herr Spahn dafür ausgerechnet das falsche Parteibuch in der Tasche hat … tja, darüber hätte er vielleicht früher einmal nachdenken sollen.

Dass er mit dieser Entscheidung lange gerungen hat, kann ich gut nachvollziehen. Am Ende hat er jedoch sein persönliches Interesse über die ideellen Vorstellungen seiner Partei gestellt. Schwierig als Führungskraft.

Und dass Herr Spahn selbst nicht ganz unvorbelastet ist, Stichwort Immobilien, Corona-Maskenaffäre und anderes, kommt noch hinzu. Von der Doppelmoral mal ganz zu schweigen.

Drum prüfe, wer sich ewig bindet, ob das Herz zur Partei findet … oder anders herum … jedenfalls vorher.

Eigentlich schon traurig genug, dass er da wählen muss.

Aber gut, andererseits hätte er seine Kraft investieren können, das Parteiprogramm zu erneuern … für alle Paare, die diesen Wunsch haben. 

5) Klangmoment: Etwas Beatles in Cork

Es wird so viel geredet. Übereinander, gegeneinander, nebeneinander und häufig drumherum.

Hier machen wir für eine Minute das Gegenteil.

Mal einen Moment die Klappe halten, vielleicht Kopfhöher auf und „play“ drücken … sonst nichts.

Dieser Klangmoment kommt warm wie Sonntags-Brötchen, aus Cork (Irland). Gestern saß ich in der Saint Patrick’s Street auf einer Bank und wartete auf meine Reisegruppe. Ein paar Meter weiter spielte eine junge Frau Violine, zwar nicht begleitet von einer Band, aber vom Band. Zunächst kam „Hallelujah“ ein Titel der mir immer die Knie weich werden lässt, dann „Something“ von den Beatles. Nach der Hälfte flog ein Jet über die Stadt, die Violinistin kämpfte dagegen an … aber am Ende gewann der Jet. Leider. Trotzdem. Gut gemacht.

Cork, 19.07.2026